![]() ![]() |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
das politische kulturmagazin
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
Strotzendes Lesevergnügen Jacques Berndorf: "Requiem für einen Henker" Von Anne Spitzner
Obwohl der Krimi relativ neu erschienen ist, ist er noch lange nicht neu. Er spielt zur Zeit des Kalten Kriegs, einer Zeit, die in den Köpfen zumindest jüngerer Leser schon so weit weg ist, dass es ein wenig Phantasie braucht, um sich hineinzudenken. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass Staaten sich gegenseitig bespitzeln, um sich tatsächlich auszulöschen. Sobald man sich aber hineingefunden hat – und das fällt nicht allzu schwer, denn die Protagonisten benutzen keine Handys und kaum Computer, Baumeister schreibt auf Schreibmaschinen und die Telefone haben noch Hörer – folgt man dem Ich-Erzähler auf Schritt und Tritt durch die Geschichte. Wie bisher jeder Berndorf, den ich gelesen habe, ist es eine Mischung aus gemütlichem Couch-Krimi, den man beliebig aus der Hand legen kann, und spannendem Thriller, bei dem eben das nicht gelingt. Zwischendurch gibt es einige Stellen, an denen ich gedacht habe: „So hätte ich mich bestimmt nicht verhalten“, z.B. an Stellen, an denen Baumeister und seine Begleiterin entdecken, dass sie verfolgt werden. Sie gehen anders mit den Verfolgern um, als ich erwartet hatte, andererseits ist ihre Verhaltensweise auch in der Hinsicht wieder logisch, dass sie nichts anderes dagegen tun können, als sich darüber lustig zu machen, wenn sie ihnen ein Schnippchen geschlagen haben. Und die Verschwörungstheorie, der Baumeister nachgeht und die sich dann am Ende sozusagen als Verschwörungspraxis entpuppt, wirkt aus heutiger Sicht vielleicht etwas zusammengesponnen. Ich will hier nicht zu viel verraten, denn trotz der historischen Veraltung ist „Requiem für einen Henker“ ein sehr spannender Roman, aber am Ende, nachdem ich das Buch zugeklappt und ein wenig darüber nachgedacht habe, lag ich vorm Einschlafen im Bett und dachte, dass ich ein klitzekleines bisschen enttäuscht bin, weil ich das Ende anders erwartet hatte. Eine sehr subjektive Sichtweise, denn das Ende war sehr spannend, vollkommen logisch und kein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Vielleicht, weil die Worte aus dem Vorwort, dass alte Manuskripte von Jacques Berndorf, in denen Baumeister außerhalb der Eifel ermittelt, jetzt veröffentlicht werden, nicht ganz in meinem Kopf angekommen waren. Ich war auf eine Neuerscheinung eingestellt und habe ein Buch gelesen, das vor fast dreißig Jahren geschrieben worden ist. Wenn man sich also vorher klarmacht, dass „Requiem für einen Henker“ in einer Zeit spielt, in der Europa durch den Eisernen Vorhang getrennt war – dann erhält man ein ungetrübtes, vor typischen Berndorf-Sätzen (entweder zum Wegschmeißen, weil sie so lustig, oder zum Heulen, weil sie so schön sind) strotzendes Lesevergnügen.
Jacques Berndorf Kbv, EUR 9,50 Requiem für einen Henker Taschenbuch, 309 S ISBN 978-3937001722
Leichtere bayerische Kost Rita Falk: Winterkartoffelknödel Von Susan Müller
Bis auch der verunglückt, natürlich auch spektakulär. Er fährt mit seinem Roller über eine Hundeleine, die sich wie eine Stolperfalle über die Landstraße spannt. Sie bringt den Roller zu Boden und mit ihm Hans, der diesen Sturz nicht überlebt. Ausgerechnet Franz´ Angebetete Mercedes hat diese Falle mit ihrem Hund erzeugt und ruft Franz zu Hilfe. Die zwischenmenschlichen Kabbeleien, die mit Bruder, Oma und Vater in Franz' Leben bestehen, sind auf humoristische Weise dargestellt, aber keinesfalls lebensunecht. Dann gibt es da noch Susi, die im Rathaus arbeitet, mit der sich gut schmusen lässt, wie Franz aus eigener Erfahrung weiß. Doch auch Mercedes (Franz nennt sie Ferrari, wegen ihres Top-Aussehens) ist eine scharfe Braut, die ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Sie ist allerdings die Person, die den Ansatz für seine Ermittlungen bietet. Der Architekt für den Sonnleitnerhof, den Mercedes als ihr Erbe bezeichnet, ist Klaus, und wie sich herausstellt, machen die beiden gemeinsame Sache. Franz´ Kumpel Rudi ermittelt die Standortverlagerung einer Immobilienfirma nach Mallorca, die beiden Freunde machen dort Urlaub - und siehe da, auf wen treffen sie wohl dort? Auf Klaus und Mercedes. Der Aufklärung unendlich nahe, löst Franz´ mit Hilfe von Rudis Fotografien den Fall. Es ist ein Krimi der leichteren Art, man muss aus meiner Sicht auch die ersten Seiten „überstehen“, um dann mit Freude der Aufklärung zu folgen und Spaß an Franz´ Leben rund um den Polizeidienst zu haben. Leichtere bayerische Kost, die zwischen Krimi und comicähnlicher Literatur hin- und herswitcht.
Rita Falk: Winterkartoffelknödel dtv 2010 240 Seiten, 12,90 Euro ISBN 978-3423248105
Gute Crime-Lektüre Ulrike Rylance: Villa des Schweigens Von Susan Müller
Nur ist das mit dem Zimmer nicht so einfach, bei der Tante ist es zwecks zweier Kinder anstrengend und in der WG ist „Zickenalarm“. Da kommt die Villa gerade recht und es ist ein Zimmer frei. Die Statue, der in ihr Reich Schatten wirft und fast bedrohlich da oben hockt, wird von Nina mit ungutem Gefühl beäugt, aber da schimpft sie sich selbst eine überspannte Person. Sie wird ihn ertragen. Mit ihr wohnen Julius als Mieter der Villa, Sebastian, dessen Freundin Laura sehr oft zu Besuch ist. Benjamin, der schon eher gewöhnungsbedürftige Collagen erstellt und Claire, die auf kumpelhaft macht, aber auch ihre zickigen Momente hat. Woher kommen aber die Blumen und die Schokolade auf Ninas Bett? Wer schreibt ihr Gedichte und kann immer wieder ungesehen in ihr Zimmer? Wieso ist ihre Tür zur Veranda nicht immer geschlossen? Und vor allem wer hat ihr Cola ins Bett geschüttet und Ameisen darauf verteilt? Das ist nun wirklich nicht mehr witzig und zehrt an Ninas Nervenkostüm. Hat Julius etwas damit zu tun? Er ist manchmal schwer zu durchschauen oder Benjamin, der hinter seiner ruhigen Art sicher was zu verbergen hat. Wer stalkt sie? Aber Panikmache ist auch nicht ihr Ding, aufgeben und heimfahren? Kurz überlegt und doch wieder verworfen. Bis Laura gefunden wird, mitten auf dem Flur und tot. Zu Tode erschrocken gibt einer dem anderen die Schuld. Vor allem Julius gerät in Verdacht, da er drogenabhängig war und in Lauras Blut eine solche Substanz gefunden wurde. Oder war der Streit zwischen Sebastian und Laura gar Grund für einen Selbstmord dieser? War Benjamin mehr als nur ein Freund, denn er hat sie in einer schweren Stunde getröstet und war er eifersüchtig? Dieser Verdacht verhärtet sich nicht, denn wie herauskommt, ist Benjamin nicht an Frauen interessiert. Nur Claire gerät wenig in Verdacht, bis zu dem Tag, als sie Nina in ihr Zimmer zu einem Gespräch bittet. Nina nimmt nach anfänglichem Zögern an und hofft, nun auch zu erfahren, was mit ihrer Vormieterin passierte. Ist ja doch alles sehr mysteriös und der Schock von Lauras Tod, der kein Selbstmord war, sitzt tief. Was sie nicht ahnt, sie ist Claires nächstes Opfer, denn diese ist in Sebastian verliebt und akzeptiert nicht, dass sie für ihn eine kurze Romanze war. Als ihr bewusst wird, dass nicht mehr Laura die Gefahr ist, sondern Sebastian sich in Nina verliebt hat, wird diese das Ziel ihrer Ungeheuerlichkeiten. Doch Nina hat Glück im Unglück, sie wird gerettet, doch die Villa wird nun endgültig geschlossen, denn das die Statue das Gleichgewicht verloren hat, war wirklich ein baulicher Fehler. Hinreißend aufregend und durch verschiedene mutmaßliche Täter mit den unterschiedlichsten Motiven immer zum Zerreißen spannend, bringt Rylance das älteste Motiv der Welt, Eifersucht auch der Jugend nahe, denn vor der ist man wohl in keinem Alter gefeit. Anschaulich und mit den lebensnahen und -echten Situationen verbunden, ist es eine gute crime-lektüre.
Ulrike Rylance: Villa des Schweigens dtv 2010 240 Seiten, 6,95 Euro ISBN 978-3423782494
Entdecken Sie die Shetland-Inseln: Jimmy Perez vierter Fall Ann Cleeves: „Sturmwarnung – Jimmy Perez ermittelt zuhause“ Von Iris Kersten
In diese Einsamkeit bringt der Polizist Jimmy Perez seine Verlobte Fran, um sie seinen Eltern vorzustellen. Schon bei ihrer Ankunft steht fest, dass sie nicht so schnell wieder von der Insel fort können, weder sie noch all die anderen Inselbewohner und Touristen: Flug- und Schiffsverkehr sind einstweilen aufgrund eines Sturmes eingestellt. Die Atmosphäre ist gespannt. Nichtsdestotrotz feiern alle auf der Insel Anwesenden in der Warte die von Jimmys Mutter organisierte Verlobungsfeier. Am nächsten Morgen wird Angela mit einem Messer im Rücken und mit Vogelfedern im Haar aufgefunden. Der anhaltende Sturm macht es Perez unmöglich, Verstärkung zu holen. Folglich muss er allein ermitteln. Fran und Jane versuchen Jimmy zu unterstützen, wo sie nur können. Davon überzeugt, das Geheimnis eher lüften zu können als der Polizist selbst, entwickelt Jane sich zur Amateurdetektivin. Da wird auch sie ermordet aufgefunden. Dank Anne Cleeves hervorragender Landschaftsbeschreibung fühlt sich der Leser ganz in die Atmosphäre der Shetland-Insel versetzt. Überzeugend stellt die Autorin darüber hinaus die Welt der Ornithologen dar: eine Welt mit der für einen Außenstehenden kaum vorstellbaren Faszination für Vögel, der Arbeit, die dahinter steckt, und dem Konkurrenzkampf, der dadurch entstehen kann. Aber nicht nur Perez findet, dass seine Ermittlungen schleppend vorangehen, auch der Leser wird sich auf der ersten Hälfte durch langatmige Befragungen und eine vor sich hin dümpelnde Handlung durchkämpfen müssen. Nach dem zweiten Mord, in der Mitte des Krimis, wird es interessanter, und es kommt auch endlich Spannung auf. Sprachlich ist der Roman einfach und schlicht gehalten, so dass er sich flüssig lesen lässt (wie man es eben von einem Standardkrimi erwartet). Leider greift die Autorin dabei auf belanglose und abgedroschene Dialoge zurück wie zum Beispiel „Du bist doch Polizist, oder? […] Es hat einen Mord gegeben.“ oder „Erzählen sie mir noch einmal ganz genau, was passiert ist, nachdem ich fort war.“ Die Personen erhalten ihren eigenen, ganz komplexen, Charakter, sogar mit Vorgeschichten, die meist durch innere Monologe beschrieben werden. Für die Handlung sind diese Reflexionen ohne psychologischen Tiefgang jedoch belanglos und daher eigentlich überflüssig. Auch Frans und Jimmys Beziehung wird papierfüllend dargestellt: Herzzerreißend, wie sie doch so verständnis- und rücksichtsvoll miteinander umgehen – Rosamunde Pilcher lässt grüßen. Dennoch überrascht Ann Cleves mit einem unerwarteten (aber in Anbetracht möglicher Folgekrimis auch einem unabwendbaren) Ende, gefolgt von einer vierseitigen Zusammenfassung aller Details (Perez' Bericht an die Staatsanwältin) für die, die vor dem Einschlafen oder unter Alkoholeinfluss lesen und daher nicht alles mitbekommen oder vielleicht einfach für diejenigen, die an Gedächtnisverlust leiden oder den Roman quer gelesen haben.
Ann Cleeves: „Sturmwarnung – Jimmy Perez ermittelt zuhause“ Wunderlich Verlag 2010 416 Seiten, 19,95 Euro ISBN-13: 978-3805208802
Kleiner Ausflug in die griechische Mythologie Tomke Schriever: „Der Totenschiffer“ Ein Ostfriesland-Krimi Von Iris Kersten
Nach „Und dann war Stille“ ist dies der zweite Ostfriesland-Krimi von Tomke Schriever, in dem Hannah Tergarten, Psychotherapeutin und (nach der Begegnung im ersten Roman nun) Freundin des ermittelnden Polizisten Enno, der Leeraner Polizei mit Rat und Tat zur Hilfe steht. Ostfriesland. November, Dezember, Januar. Raues Wetter – raue Morde, gekonnt in Szene gesetzt vor einem mythologischen Hintergrund griechischer Sagen: Der Psychotherapeut Tassilo Kramer wird ermordet auf einem ostfriesischen Fährschiff gefunden. Ein Hammer und ein toter Hund weisen auf den Totenschiffer Charon hin, der laut der griechischen Mythologie für einen Obulus (eine Münze) seine Toten über den Fluss Styx in das Reich des Totengottes Hades brachte. Kurze Zeit später wird die auf grausame Weise getötete Lehrerin Sonia Behrens, die Klausuren über den griechischen Fährmann schreiben ließ, mit einer Münze im Mund (wohl Charons Fährlohn) gefunden. Hat Sonias alkoholabhängige und obdachlose Schwester Mareike etwas mit den Morden zu tun oder Volkan Demirel, ein Schüler Sonias, der bei einer Arbeit über den Totenschiffer schlecht abgeschnitten hatte. Oder könnte es Frederik Handschmidt gewesen sein, ein Stalker, der sich an die Psychologin Hannah Tergarten herangemacht hat? Nach dem dritten Toten, als Ikarus in einem Boot in Pose gesetzt und mit einer Münze im Mund ebenfalls ein Passagier Charons, kommen Zweifel an den ursprünglich Verdächtigen auf. Hannah Tergarten unterstützt die Polizei bei ihren Ermittlungen und erforscht dabei nicht nur die Psyche der Verdächtigen. Tomke Schriever (übrigens ein Pseudonym der Autorin Helga Glaesener, die bekannt ist durch ihre historischen Romane) gestaltet einen sprachlich schnörkellosen Krimi mit vielen authentischen Dialogen und inneren Monologen. Ihre Beschreibungen des herbstlich-winterlichen Ostfrieslands lassen atmosphärische Landschaftsbilder vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Eine gekonnt aufgebaute Handlung mit etlichen Hinweisen und (falschen) Fährten (die das Gehirn fiebernd den Mörder suchen lassen), gut ausgearbeitete Nebenhandlungen und hervorragend konstruierte Personen mit hieb- und stichfesten Charakteren und ein spannender Plot (ein bisschen Kitsch gibt es auch) machen dieses Buch zu einem Lesevergnügen. Mein Fazit: Gute Unterhaltung für Zwischendurch.
Tomke Schriever: „Der Totenschiffer“ Ein Ostfriesland-Krimi 352 Seiten, 8,95 Euro Rowohlt Taschenbuch Verlag 2010 ISBN: 978-3499253799
Lemberger oder Trollinger? Spätzle mit Zwiebelsoße oder Rippchen mit Kraut? Max Kallenberg: „Das letzte Viertele - ein Wein-Krimi" Von Iris Kersten
Wein-Krimi. Ein Krimi zum Weinen? Naja, ganz so schlimm ist es nicht: Der Schwabe und Weinkenner Max Kellenberg versteht es wirklich, den Leser in seinem Debut-Weinkrimi ins Schwabenland mit seinem Cannstatter Wasen und all den Genüssen wie Spätzle mit Zwiebelsoße oder Rippchen mit Kraut zu versetzten. Seiner Liebe zum Wein folgend liefert der Autor auch hervorragende Weinbeschreibungen (man kann ihn förmlich schmecken) und lässt seine Ausführungen über den Weinbau gekonnt in die eigentliche Geschichte einfließen, aber hier kommt der Schwachpunkt: die eigentliche Story schwankt sehr zwischen Schnulze à la Rosamunde Pilcher und dem eigentlichen Kriminalroman. Es gibt zwar tatsächlich Leute, die ums Leben kommen und nett ist auch die Idee, eine arbeitslose Germanistin und ihre Schwester recherchieren zu lassen, aber es fehlt dem ganzen einfach an Spannung. Immerhin errät man nicht auf Anhieb (sondern erst in der Mitte), wer der Täter ist, aber schon ganz zu Anfang ist klar, wer zum Schluss mit wem ins Bett geht und es gibt auch einfach zu viele offensichtliche Zufälle. Durchzogen mit literarischen Zitaten und ein paar durchaus witzigen Vergleichen wie zum Beispiel „Ihr Schreibsound riecht wie das Mieder meiner Urgroßmutter nach einem Spaziergang am Wörthersee...“ ist der Krimi dennoch sprachlich so einfach gestaltet, dass man ihn gut quer lesen kann. Vor allen Dingen bekommt man Lust, zu essen und zu trinken. Prost – Mahlzeit!
Max Kallenberg: „Das letzte Viertele“ Rowohlt Taschenbuch Verlag 2010 224 S., 8,95 Euro ISBN 978-3499252884
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
copyright by krimikon |
ISSN: 2191-527X |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||