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das politische kulturmagazin
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Leseausdauer gefragt Leena Lehtolainen: „Sag mir, wo die Mädchen sind“ Von Susan Müller
Maria und ihre Kollegen haben alle Hände voll zu tun bei der Verfolgung von heißen oder kälteren Spuren. Dann wird ein drittes Mädchen gefunden. Noor. Tot gefunden. Im Mädchenclub bricht nun Panik aus, Iida hofft, ihre Mutter kann Klarheit ins Dunkle bringen und das Verbrechen aufklären. War es ein Ehrenmord, weil Noor einen finnischen Freund hatte und ihre männlichen Verwandten dies nicht gutheißen können? Schließlich ist sie einem Mann aus ihren Reihen versprochen. Fest steht, auch nach der Einreise nach Finnland, können sich die Migranten nicht damit abfinden, dass die Töchter Abitur machen können oder ihre Lebensweise anpassen könnten. Überall schwingt eine falsch verstandene Moral mit. Dann wird eines der Mädchen im Ausland wieder gefunden, die Familie hatte verschwiegen, dass sie es aus fadenscheinigen Gründen abgeschoben hatten. Maria muss sich im Zuge der Ermittlungen mit den unterschiedlichsten Auffassungen zu Migranten auseinandersetzen. Doch dann bricht Noors Freund sein Schweigen. Jetzt drehen sich die Ermittlungen in eine ganz andere Richtung. Heidi tritt in den Vordergrund. Und: Maria, die in Afghanistan bei Aufbau einer Polizeischule mitwirkte, hat aus dieser Zeit noch mit Erlebtem zu kämpfen und wird auch hier von einem ehemaligen Mitstreiter und dessen absurden Phantasien zu Verschwörungstaktiken eingeholt. Leena Lehtolainens Buch ist anzumerken, dass sie sich sehr mit der Materie sehr beschäftigt hat, und sie versteht es, die Charaktere mit ihren Ängsten, Unzulänglichkeiten und Stärken hervorragend darzustellen. Ist es anfänglich auch schwierig, sich durch alle Namen und Zuständigkeiten zu kämpfen und alle zueinander gehörenden Fäden aufzunehmen, möchte der Leser doch wissen, wer die Strippen zieht und welche Zusammenhänge in den Fällen sich erschließen. Hier steigt die Spannung mit zunehmender Lese(aus)dauer.
Leena Lehtolainen: „Sag mir, wo die Mädchen sind: Maria Kallio ermittelt“ Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara Kindler 2012 352 Seiten, Euro 19,95 ISBN 978-3463406077
Die Rezensentin ist Thrillerautorin. Von ihr liegt vor: „Ausgebremst. Jugendthriller“ (Autumnus Verlag).
Literarisches Spiel um Macht, Manipulation, Intrigen und Angst Christopher G. Moore: „Der Untreue-Index“ Von Susan Müller
Vincent Calvino, auch Vinny genannt, bekommt plötzlich aber einen anderen, weitaus spannenderen Auftrag von Anwalt Danielson, der ihn um eine Recherche bittet, die die Pharmazie betrifft und die Herstellung von Plagiaten, die der Arzneimittelbranche gefährlich werden können. Leider verstirbt Danielson urplötzlich, bevor Vinny ihm seine ausführliche Dokumentation überreichen und dieser ihn dafür entlohnen kann. So ganz möchte Vincent aber nicht auf sein sauer verdientes Geld verzichten, und so nimmt er einen Auftrag von vier Ehefrauen an, die ihren Männern hier in Thailand nicht trauen. Eine sicherere Geldquelle; vielleicht. Dass die junge Thai Jazz aus dem Club die Geliebte Danielsons war, erfährt Vincent nebenbei im Laufe seiner Recherchen. Colonel Pratt, Freund Vincents und Polizist ist ihm behilflich, als das Pflaster, auf dem er sich bewegt, heiß wird. Vinny stößt nämlich bei den Bemühungen, seine Finanzen noch nicht ganz abzuschreiben, auf Lovell, einem aufstrebenden Anwalt mit einem fotografischen Gedächtnis, was nicht ganz ungefährlich ist. Nur hilft dieser erst nach anfänglicher Ablehnung. Er ist nicht mehr abgeneigt, als auch ihm übel mitgespielt wird und alle Beteiligten der eher guten Seite an derselben Stelle zum Stoppen kommen. Und hier führt dann kein Weg mehr an Weerawat vorbei. Der ist so mächtig, dass sogar Teile der Regierung nach seiner Pfeife tanzen und viele Menschen ähnlich Marionetten nach seiner Regie tanzen. Es bleibt natürlich zu erwähnen, dass das „Gute“ einen Teilsieg erringt. Einen Teilsieg: Die zwangsläufig neu gebildete Regierung, da man nach all den Enthüllungen an der alten nicht festhalten kann, ist froh, dass der Deckmantel des Schweigens Gras über die Sache wachsen lässt. Auf welche Machenschaften Vinny noch stößt und was das leichte Mädchen aus dem Club unter seinem Büro getan hat, dass es sterben musste, ist eine kleine Auswahl der verschiedenen Fäden, die der Autor spinnt, um ein Knäuel entstehen zu lassen, das der Leser entfilzen muss, aber auf eine wunderbare Weise. Es ist ein langer Krimi, aber keineswegs langatmig. Er verdient mehr Zeilen als die bisherigen, aber noch viel mehr verdient er, eigens gelesen zu werden. Echt packend, das literarische Spiel um Macht, Manipulation, Intrigen und Angst auf der anderen Seite der Erde!
Christopher G. Moore: „Der Untreue-Index“ Aus dem Englischen von Peter Friedrich Unionsverlag 2011 360 Seiten, Euro 16,50 ISBN 978-3293004351
Die Rezensentin ist Thrillerautorin. Von ihr liegt vor: „Ausgebremst. Jugendthriller“ (Autumnus Verlag).
Katrin Behr: Entrissen - Der Tag, als die DDR mir meine Mutter nahm Von Susan Müller
Wir schreiben das Jahr 1974 in Gera (Thüringen) in der damaligen DDR. Katrin Behr ist noch keine fünf Jahre alt, als ihre Mutter von, in schwarze Mäntel gekleidete, Männern abgeführt wird. Sie hat keine Erklärung dafür und erst recht nicht, dass ihre Mutter, trotz des Versprechens, abends zurück zu sein, nicht bei der Oma abholt. Dann gibt auch noch die Oma während eines vermeintlich harmlosen Spaziergangs Katrin und ihren zwei Jahre älteren Bruder in einem Kinderheim ab und verschwindet. Noch hofft Katrin auf die Rückkehr ihrer Mutter, aber die Hoffnung schwindet mit jedem Tag und dann taucht das Hausmeisterehepaar auf, mit dem sie zur Probe mitgehen soll. Alles ist besser als die sie verhöhnende Erzieherin und die Kinder, die dieses miese Spiel mitspielen. Katrin hat kein dickes Fell für die verletzenden Worte, sie ist tief getroffen. Aber das Ehepaar gibt Katrin im Kinderheim wieder ab, nicht zuletzt weil sie diesen offen gegenüber erwähnt, dass ihre Mama sie ja sonst nicht finden kann. Noch immer glaubt sie fest daran, dass diese zurückkommt und die Geschwister heim holt. Nur ist nach Katrins Rückkehr auf einmal auch Mirko weg. Im Nachhinein betrachtet, alles eine gezielte Aktion des damaligen Regimes? Und dann noch die, für Katrins Gemüt verheerenden Aussagen, der Erzieherin, ihre Mutter seine eine Staatsverräterin. Katrin selbst glaubt mit ihrem kindlichen Herzen, sie habe ihre Mama verärgert und sei nicht lieb gewesen, leider dementiert dies keiner in ihrer Umgebung. Ein zweiter Ausflug zu einer Pflegemutter endet ebenfalls wieder im Heim. Natürlich ist Katrin inzwischen misstrauisch und hat bereits die Angst des Verlassenwerdens in sich. Katrin Behr zieht ja in ihrem, sehr emotionalen und ungeschönten, Buch auch gleichzeitig Bilanz, so dass wir als Leser zwischenzeitlich schon erfahren, dass alles vom Staat mit Vorschriften versehen und kontrolliert wurde, nur kann ein Kind in Katrins Alter keine Zusammenhänge sehen, sie muss funktionieren und am besten keine Widerworte geben, damit man auch im Heim nicht dem Gespött der anderen preisgegeben wird. Ein dritter Versuch scheint schließlich zu klappen, Katrin wird adoptiert von einer Lehrerin, die gleichzeitig Parteifunktionärin ist und einem Maurer, der sehr viel auf Montage ist. Letzterer versucht ihr seine Liebe und Zuneigung auch ohne viele Worte einfach zu zeigen, die Mutter allerdings verlangt eher Gehorsam, was nicht zuletzt ihrer Position geschuldet ist. Durch ihre Erziehung, gegen die sie zwar manchmal rebelliert, zweifelt Katrin im Großen und Ganzen aber nie am Regime. Um der Gefühlskälte ihrer Adoptivmutter zu entkommen, die zunimmt, als ein „echter“ Stammhalter nach allen vergeblichen Hoffnungen doch noch die Familie bereichert, versucht es Katrin mit dem Ausbruch in die Ehe. Sie zieht zu ihrem Gatten, der Politoffizier ist, nach Binz, erst an den Wochenenden und nach bestandener Krankenschwesterprüfung, gänzlich. Sie erfährt aber auch hier keine wirklich Liebe, in ihr keimt der Verdacht, der Karriere ihres Mannes dienlich gewesen zu sein, indem dieser in den Stand der Ehe trat. Und doch unterwirft sie sich förmlich immer wieder, auch der inzwischen auf der Welt seienden Kinder. Abgeschirmt von Zeitung und Fernsehen, was sie ganz bewusst selbst so wählte, erfährt sie erst einen Tag nach dem 09.11. vom Mauerfall und das nur, weil ihr Gatte eher von einem Lehrgang zurückkommt. Weil dieser nicht mehr notwendig ist. Olaf wird bald darauf auch in seinem Job nicht mehr gebraucht. Katrin hat aus gesundheitlichem Klärungsbedarf, was ihren Sohn betrifft, Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter gesucht und nachdem ihre Adoptivmutter diesen auch herstellte, nachdem der Grund dafür bekannt war, liegt die Adresse trotzdem noch ein Jahr in der Schublade, bis sie sich überwindet. Ein Treffen kommt zustande und Katrin spürt sofort die verwandtschaftlichen Bande, so als wären nie Jahrzehnte dazwischen gewesen. Noch immer an die damalige DDR glaubend, kann sie dem sehr knapp gehaltenen Bericht der Mutter kaum glauben, was diese durchgemacht hat mit den Mühlen des Gesetzes. Ihre politische Weltanschauung, ihre Jugend und bereits Mutter von zwei Kindern von zwei verschiedenen Vätern und dem Über-Wasser-Halten mit Gelegenheitsjobs war dem Staat genug Grund, die Kinder der Mutter zu „Entreißen“ und seinen Organen zum Erziehen zu Übergeben, damit aus ihnen „anständige“ linientreue DDR-Bürger wurden. Aber die Haftbedingungen waren zudem äußerst grausam, nur um die Adoptionseinwilligung zu erzwingen, die man sich als Staat schon längst selbst erteilt hatte. Hinter all das konnte man erst nach dem Mauerfall kommen, und Zusammenhänge ließen sich erst finden, nachdem auch noch Akteneinsicht genehmigt war. Es ist wirklich kaum zu glauben, dass hinter den sozialen Kulissen, eine derart brutale Vorgehensweise zu finden war, nur um eine bestimmte Wegbeschreitung vorzuschreiben. Man kann nur erahnen, was die Menschen durchgemacht haben, wenn einem sich beim Lesen sogar die Nackenhaare hochstellen. Ich kann hier gar nicht alles wiedergeben, was Katrin Behr in ihrem Leben mitmachen musste und welche menschlichen Tragödien sie im Laufe der Zeit aufdeckte. Kein Wunder, dass die Erfahrungen ihres noch so jungen Lebens sie bis zur Aufarbeitung dessen immer unterschwellig begleiteten und eigentlich nie ein befreites, nicht fremdgesteuertes Leben zuließen. Ich habe große Achtung vor diesem schriftstellerischen Werk, was nicht beschönigt, aber auch im Nachgang nicht nur negativ beleuchtet. Realistisch und spürbar für den Leser aus eigenen, er- und gelebten Erfahrungen heraus entstanden und eine sicher immense Hilfe für andere Betroffene.
Katrin Behr: Entrissen 304 Seiten, Euro 16,99 Droemer Verlag 2011 ISBN: 978-3426275665
Deutsch-österreichische Verhältnisse Petra Hartlieb, Claus-Ulrich Bielefeld: „Auf der Strecke: Ein Fall für Berlin und Wien" Von Maja Knorr
Petra Hartlieb, Claus-Ulrich Bielefeld: "Auf der Strecke: Ein Fall für Berlin und Wien" Diogenes Verlag 2011 358 Seiten, 10,90 Euro ISBN: 978-3257240689
Stephan Pörtner: "Stirb, schöner Engel" Von Anne Spitzner
Die Konstellation in Stephan Pörtners Krimi „Stirb, schöner Engel“ ist ungewöhnlich: aus den meisten Krimis ist man es gewöhnt, den Täter mühsam suchen zu müssen und zuzusehen, wie die Polizisten ihn dann mit mehr oder weniger einwandfreien Mitteln dingfest machen. Hier ist es nicht so. Hier ist es ein wenig so wie in Columbo: Der Täter steht beinahe von Anfang an fest, der Leser und der Ermittler wissen, dass er es war, aber es gibt keine Beweise, die man ihm anlasten kann. Und alles, was die Polizisten versuchen, wird von oben abgeblockt. Der Täter hat Beziehungen in die höchsten Kreise. Es braucht einen zweiten, einen dritten Mordfall, es braucht einen Köbi Robert und seine Freunde, um ihn schließlich und endlich mit Ach und Krach zur Strecke zu bringen. Nicht nur dies ist ungewöhnlich an „Stirb, schöner Engel“. Es dauert ein paar Seiten, bis man (als nichtschweizerische LeserIn) nicht mehr an dem leichten Schweizer Dialekt hängen bleibt; vorher muss man manche Sätze zwei Mal lesen. Das ist allerdings nicht schlimm, denn es sind grundsätzlich schöne, geschliffene Sätze, bei denen man sich über mehrfaches Lesen nicht weiter ärgern muss, wie es sonst manchmal der Fall ist. Pörtner gelingt es, den Leser mitzureißen. Ob man aus Sicht des Dorfpolizisten die Nichtaufklärung des ersten Mordes miterlebt oder aus Köbi Roberts sich die des dritten, ist egal, auch, wenn Köbi in der Ich- Perspektive erzählt, während von Gion Kundert, dem Dorfpolizisten erzählt wird. Trotzdem ist man an Kunderts Geschichte nicht weniger beteiligt als an Köbis. „Stirb, schöner Engel“ ist ein Buch, das einen über weite Strecken der Geschichte hinweg einfach nur wütend macht. Wie kann es sein, dass ein Mensch drei junge Frauen ermordet und allem Anschein nach damit davonkommt, nur weil er reich, arrogant und selbstbewusst ist und Beziehungen hat, die ihm weiterhelfen? Wie kann es sein, dass einer ungestraft morden, zusammenschlagen lassen, stehlen und erpressen darf, in einer Gesellschaft, die sich „Rechtsstaat“ schimpft? Dass andere dafür ins Gefängnis gehen, sich umbringen, weil sie es nicht aushalten, Jahre ihres Lebens verlieren, weil sie nicht so raffiniert und reich sind wie der tatsächliche Mörder? Pörtner gelingt es, diese Fragen aufzuwerfen und sie gleichzeitig weder unbeantwortet zu lassen noch allzu banale Antworten darauf zu geben. Kurz reißt er die psychologischen Hintergründe an, dehnt sie jedoch nicht seitenweise aus, bis es langweilig wird; eine gewisse Spannung ist immer vorhanden. Genau das macht es unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen. Bis man das Ende kennt. Und auch dieses ist nicht ganz das, was man erwarten würde.
Stephan Pörtner:Stirb, schöner EngelBilgerverlag 2011400 S., Euro 26,00ISBN 978-3037620168
Uralte venezianische Familie Nicolas Remin: Die letzte Lagune Von Franz Xaver Ganghofer
Nicholas Remin: Die letzte Lagune geb., 368 Seiten, Euro 19,95 Kindler Verlag 2011 ISBN: 978-3463405308
Raúl Argemí: "Und der Engel spielt dein Lied" Von Bettina Meinzinger
Vor diesem Hintergrund spielt sein jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegender Roman. El Negro ist jung, als er den Polaco kennenlernt. Von einem nach Putzmittel miefenden Hinterzimmer aus, leitet der in die Jahre gekommene Mafiosi seine Geschäfte. El Negros erster Deal, einen Drogenkonvoi über die chilenische Grenze zu überführen, scheitert. Auch die Begegnung mit der Paraguaya, einer Frau wie ein „prächtiges, wundervolles Tier“ mit „reifen, schweren Brüsten“, die direkt einer Altherrenphantasie entsprungen zu sein scheint, wird ihm kein Glück bringen. Nach Jahren im Knast treffen sich El Negro und der Polaco wieder. Wie ein Großteil der argentinischen Bevölkerung hat er europäische Wurzeln, von denen er dem El Negro zu erzählen beginnt. Was scheinbar harmlos beginnt, endet in einem blutigen Finale. Aus verschiedenen zeitlichen Perspektiven erzählt Raúl Argemí nicht nur die Geschichte des ewigen Verlierers El Negro, nebenbei erfährt man auch ein wenig über Korruption, Terror und die jüngere Geschichte Argentiniens.
Raúl Argemí: Und der Engel spielt dein Lied186 S., Euro 16,90 Unionsverlag 2010 ISBN 978-3293004184
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