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Definieren von Moral. Van de Weterings Helden bleiben ungeschlagen

Janwillem van de Wetering: „Der Feind aus alten Tagen"

Von Bruno Knöpfli

 

Der Krimi „Ein Feind aus alten Tagen“ ist die Wetering-Einstiegsdroge, und man sollte sie sich zu Gemüte führen. Der Fall in diesem Buch der Reihe um Commissaris de Gier: Ein Bankier wird erschossen, und der Amsterdamer Filz samt Polizei, Stadt, andeutungsweise bis hoch zum Königshaus stecken mit drin. Wird schnell abgearbeitet und unter “Selbstmord“ abgelegt. Alles wäre geklärt, wäre da nicht der Kommissar, der einer holländischen Oberschicht angehört, die viel Typisches hat (man kennt sie noch aus Notebooms Büchern), und mit einer Bank als Anteilseigner zu tun hat. Das gipfelt darin, dass ein Cousinvon ihm und er einen alten Krieg austragen. Der Cousin ist skrupellos, doch der Kommissar und seine Männer  gehen den Fall ebenso skrupellos an. Das ist das Gepräge, das einen Polizisten einen anderen zum Mord anstiftet, um einen Schlussstrich ziehen zu können. Dieser Krimi hat etwas Hochaktuelles, diese Verkommenheit - heute würde sich das wohl am besten in den Berlusconi-Kosmos passen. Aber das macht Wetering, der diese Serie in den Siebzigern schrieb, nicht so unglaublich lesenswert  Seine Krimis sind gedanklich so unglaublich frei, und doch hat Weterings Atmosphäre gerade heute viel herüberzubringen. 

 

Janwillem van de Wetering:

„Der Feind aus alten Tagen"

Rowohlt 2002, 256 Seiten

ISBN: 978- 3499233296

 

Hoch

 

 

Fliege machen – Lucie Flebbe

Von Anne Spitzner

 

Ein Obdachloser wird aus einer Kneipe geworfen, weil er betrunken herumpöbelt. Am nächsten Tag ist er verschwunden. Zuerst, weil er seinen Hund in der Kneipe gelassen hat, und dann aus echter Sorge beauftragt der Wirt, Molle, die befreundeten Detektive Ben Danner und Lila Ziegler mit der Suche nach dem Obdachlosen „Fliege“. Doch sie können ihn nicht finden – und werden bald darauf in einen viel komplexeren Fall verstrickt.

Lucie Flebbe ist mit „Fliege machen“ ein vielschichtiger Krimi gelungen, der nicht auf der Opfer- Täter- Ebene stehen bleibt. Beinahe jeder Beteiligte des Falles ist beides, selbst die, bei denen es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Die Straßenkids, unter die Lila sich mischt, um Fliege zu finden: sie prügeln, stehlen und verhalten sich asozial, doch sie sind von ihren Familien und der Gesellschaft im Stich gelassen worden. Lila selbst ist von ihrem Vater verprügelt worden und von zu Hause abgehauen. Nichts an dem Milieu wirkt unglaubwürdig, der Plot schlägt viele Haken, wirkt aber an keiner Stelle konstruiert. Im Gegenteil, Lucie Flebbe versteht es unglaublich gut, eine beklemmende Geschichte zu entwerfen, von der man sich einfach nicht lösen kann.

Es gibt manche Autoren, die versuchen, mit Schnoddrigkeit zu vertuschen, dass sie nicht in der Lage sind, Geschichten zu erzählen. Lucie Flebbe gehört nicht dazu. „Fliege machen“ ist eine große Geschichte in kleinen Worten, und der Schnoddrigkeit ist es zu verdanken, dass die Liebesgeschichte, die zwischen Danner und Lila spielt, parallel und nur halb so wichtig daherkommt, wie sie es vielleicht ist – angenehm in einer Welt, in der fast alle zu glauben scheinen, Bücher seien nur gut, wenn sie mindestens zwei Romanzen enthalten.

Am Ende ist der Fall gelöst, die Beteiligten sind einigermaßen gut untergebracht; und obwohl ich während des Lesens mehrere Male fast vom Stuhl fiel vor Lachen und „Fliege machen“ für ein großartiges Leseerlebnis halte, hat mich das Ende ein wenig enttäuscht. Die ganzen knapp 250 Seiten über erzählt Lucie Flebbe von Obdachlosen, vom Elend und der Ausweglosigkeit ihrer Situation, und am Ende löst sich diese Situation sozusagen in Wohlgefallen auf. Der obdachlose schwangere Teenager Engel, der die gesamte Schwangerschaft hindurch getrunken und geraucht hat, hört plötzlich damit auf und verhält sich mustergültig verantwortungsbewusst. Aber dies ist die einzige kleine Schwachstelle, und man muss „Fliege machen“ zugute halten, dass längst nicht alle Probleme sich so einfach lösen lassen. Der Großteil der beteiligten Obdachlosen bleibt, wie er war; einer ist tot, einer in Haft, die anderen weiterhin auf der Straße, mitten im Winter. Wer weiß auch, wie lange Engels neues Ich bleiben wird. Es gibt mehrere Beispiele in „Fliege machen“, dass Menschen in frühere, eingefahrene Verhaltensmuster zurückfallen.

Dies ist vielleicht auch der Grund, weswegen ich unglaublich enttäuscht war, als ich das Buch zuklappen musste: weil ich unbedingt erfahren wollte, wie es weitergeht. Und dies ist eine treffende Aussage über den Lesespaß von „Fliege machen“. Von der ersten Seite an bis zum Schluss will man wissen, wie es weitergeht. Und hofft, dass dieses nicht Lilas letztes Abenteuer bleiben wird.

 

Lucie Flebbe, Fliege machen

Grafit Verlag

Tb., 288 Seiten

Euro 8,99

ISBN-13: 978-3894253813

 

Hoch

 

 

Antiheld im literarischen Gewand

Óscar Urra: „Poker mit Pandora“

Von Iris Kersten

 

Der spanische Literaturwissenschaftler Óscar Urra hat für seinen Debütroman einen Antihelden geschaffen: den spielsüchtigen Privatdetektiv Julio Cabria, der sowohl die Poesie des 18. Jahrhunderts als auch Kinofilme liebt. Als dieser sich nach einem Pokerspiel mit schlechtem Ausgang (finanzieller Bankrott) vom Dach in den Tod rollen will (springen erscheint ihm zu vital), wird er von dem berüchtigten Madrilener Mafioso Botines mit dem Auftrag, die Italienerin Pandora zu finden, von seinem Vorhaben zurückgehalten. Doch kein Auftrag ohne Gefahren: Bislang sind drei von Botines Bodyguards auf der Suche nach eben dieser Frau zu Tode gefoltert worden. Aber das ihm gebotene Honorar überzeugt Cabria: Er nimmt den Auftrag an.

Der alternde Polizeibeamte Gregorio Meléndez (der übrigens Julio Cabrias Exfrau heiraten wird) bekommt von seinem Vorgesetzten die letzte Chance, um nicht ausgemustert zu werden: er soll herausfinden, ob sich irgendwelche Italiener in der Nähe der Plaza de Tirso de Molina (nicht gerade das Vorzeigeviertel der Stadt) aufhalten. Der Auftrag kommt von der Interpol, Spezialeinheit Informatik.

Cabria hat es nicht besonders eilig mit seinem Fall. Er hält lieber ein Schläfchen im Kino und spielt mit dem Vorschuss von Botines Poker – wobei er diesmal tatsächlich gewinnt. Für Meléndez dagegen beginnt ein Wettrennen mit der Zeit. Bis um 15.00 Uhr muss er seinem Vorgesetzten Informationen über die Italiener bringen, ansonsten wird er mit seinen erst 55 Jahren zwangspensioniert. Die beiden treffen aufeinander, als Cabria nach der Glückssträhne von seinen Gläubigern fast zu Tode geprügelt wird. Wie aus dem Nichts erscheint Meléndez, um den Detektiv zu retten. Aber nicht ohne Grund: der Polizist braucht seine Hilfe bei der Suche nach den Italienern – schließlich hausen die Gesuchten in Cabrias Viertel. Offensichtlich hängen beide Fälle zusammen. Allerdings sind sie nicht die einzigen, die sich dafür interessieren. In Cabrias Büro erscheint eine Frau namens Nadia, die ebenfalls nach Pandora sucht. Der Detektiv muss zwar den Auftrag ablehnen, da er als Ehrenmann nicht zwei Honorare für den selben Fall einstreichen kann, aber dieses wird nicht die letzte Begegnung mit Nadia gewesen sein.

Es stellt sich heraus, dass niemand Pandora je zu Gesicht bekommen hat. Sie soll im Februar aus Neapel nach Madrid gekommen sein, mit Informationen, und es soll um viel Geld gehen. Dieses Wissen macht auch den hellhörigen Vitrilio, der vom allgemeinen Informationsverkauf lebt, zur Zielscheibe von Pandoras Mitstreitern.

Groteske Zufälle lassen nun die drei Männer zusammen arbeiten: Vitrilio wird als Lockvogel benutzt (gezwungenermaßen), damit Meléndez und Cabria die Italiener fassen können.

Und dann ist da noch ein geheimnisvoller Druide, der eine Revolution plant, um das Ende des Kapitalismus heraufzubeschwören.

Detaillierte Personenbeschreibungen, vortreffliche Metaphern und eine herausragende Erzähltechnik mit einem teilweise humorvollen, aber auch ironischen Unterton lassen diesen Kriminalroman zu einem literarischen Meisterwerk werden. „Wie Cabria sehen konnte, trug der Polizist Strümpfe, die an den Enden dem Druck der jüngsten Ereignisse nicht standgehalten hatten: Wie Würmer, die unversehens an die Erdoberfläche geraten sind, blickten dort zwei bleiche Zehen hervor, die sich krümmten und dem Beobachter abweisend ihre spitzigen Nägel entgegenhielten.“ Hier ein Dankeschön an den Übersetzer Peter Kultzen, der auch die deutsche Lektüre des spanischen Originals A timba abierta zum Genuss werden lässt. Es bleibt einem nichts anderes übrig (auch wenn die Neugier drängt) als Wort für Wort zu lesen, um nichts von dem virtuosen Sprachstil zu verpassen. Ein literarischer Krimi der Extraklasse mit einem überraschenden Ende.

 

Óscar Urra: „Poker mit Pandora"

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Unionsverlag 2011

208 Seiten, 14,90 Euro

ISBN: 978-3293004283

 

Hoch

 

 

Die Nacht der Nächte

Garry Disher: Rostmond

Von Susan Müller

 

Die Nacht der Nächte, wenn die Mondfinsternis bevorsteht, der Mond zeitweise eine rostbraune Farbe erhält, die Schulabgänger los sind und ihre Abschlussparty an der Peninsula feiern, die nicht frei von großen und kleinen Straftaten ist. Die Polizei kann mit ihren dafür eindeutig zu wenigen Leuten nicht überall sein, aber ist in höchster Alarmbereitschaft.

Es geht um die Aufklärung eines Mordes an einer Bauplanerin, die sich für en Erhalt eines kleinen hübschen Fischerhäuschens einsetzte und damit -sowie allgemein durch ihr Aufgabengebiet- nicht alle um sie herum glücklich macht. Ihr Mann macht sich äußerst verdächtig, denn er ist krankhaft eifer-  und kontrollsüchtig. Ihr Chef hat aber auch keinesfalls eine weiße Weste.

Der Kaplan einer Privatschule wurde brutal angegriffen und hier wird es noch schwieriger aus der Menge der Leute, die ihn nicht mochten und die Pest an den Hals wünschten herauszufinden, wessen Motiv das Stärkste für einen solchen Überfall ist. Und dessen Bruder ist noch dazu ein Handlanger eines stadtbekannten Medienhetzers und nicht gerade sehr helle, aber diese Kombination ist in diesem Falle sehr gefährlich.

Hal Challis und Ellen Destry haben sich privat wieder zusammengefunden und genießen anfangs die Zweisamkeit, nur von den Straftaten und deren Lösung beeinflusst, geraten sie in den Strudel der alles andere überragende Polizeiarbeit.

Pam Murphy flirtet mit einem neuen Kollegen, Cree, aber der spielt mit ihr ein verdammt böses Spiel. Zudem müssen die sexuellen Übergriffe geklärt werden.

Garry Disher gelingt es erneut, verschiedene und ungewöhnliche Charaktere mit ihren Ecken und Kanten darzustellen, wie das Leben sie bietet. Die einzelnen Handlungen werden miteinander verknüpft, um dann am Ende alle ihre Lösung zu erfahren. So ganz nebenbei lernen wir mit und durch Garry Disher noch Land und Leute kennen.

Rostmond ist wieder ein äußerst gelungenes Kriminalgeschichtswerk vom meisterlich zu schreiben verstehendem Garry Disher.

 

Gary Disher:

Rostmond: Ein Inspector-Challis-Roman

Geb., 349 Seiten, Euro 19,90

Unionsverlag; 2010

ISBN: 978-3293004207

 

Hoch

 

 

Im Indianerreservat

Tony Hillerman: "Der Kojote wartet"

Und andere!

Von Rick Hallburn

 

Es ist ein echter Krimi. Er versteckt sich nicht hinter literarischen Kulissen, Er gibt sich keinen falschen Anstrich, indem er irgendeine Melancholie oder Ergüsse verbreitet; Krimi pur. Hillermans Sachen spielen im Indianermilieu in den Reservaten von heute. Der Kriminalfall ist immer ein Fall von dort. Es gibt Polizisten, die zu dieser Eigenheit des amerikanischen Staatssystems eine relativ autarke Selbstverwaltung mit entsprechender Gesetzgebung, mit dieser Reservatspolizei, die auch von denen Reservatbewohnern gestellt wird. Weil sie Einblicke eines Experten in diese Kultur und Kulturreste der Indianer, deren Lebensweise, bietet, weil sie andererseits aber von dem Genre Krimi nicht abweicht, ist diese Krimikunst so grandios.

Tony Hillerman sollte wirklich jeder gelesen haben, also: Jeder. Und so viele wie möglich aus der Reihe, aber auf jeden Fall: "Der Kojote wartet" 

 

Tony Hillerman: Der Kojote wartet

283 S.

Rowohlt Tb. 2000

ISBN 978-3499433771

 

Hoch

 

     
 

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ISSN: 2191-527X