![]() ![]() |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
das politische kulturmagazin
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
So spannend, dass man es vor lauter Entsetzen gar nicht mehr aus der Hand legen kann Karin Slaughter: "Entsetzen" Von Anne Spitzner
Slaughter, berühmt für ihre kreativ-morbiden Einfälle, was die Bösen in ihrem Buch betrifft, hält einen furiosen Auftakt parat: Eine Mutter kommt nach Hause, beschäftigt mit den mehr oder weniger gleichgültigen Dingen des Alltags, und findet ihr Haus verwüstet vor. Spuren eines Kampfes führen sie nach oben, und dort liegt eine Leiche – eine Leiche, in der sie ihre Tochter erkennt. Der junge Mann, der sich über sie beugt, hat ein Messer in der Hand, als er auf sie zukommt, doch im Kampf um ihr eigenes Leben erwürgt sie ihn. Die albtraumhafte Szene wird noch albtraumhafter, als Special Agent Will Trent vom Georgia Bureau of Investigation den Tatort betritt. Der Vater des toten Mädchens, den er noch aus seiner Zeit im Waisenhaus kennt, folgt ihm nach oben zur Leiche – und ist sich sicher, dass die Tote nicht seine Tochter Emma ist. Aber Emma ist spurlos verschwunden. Zusammen mit Detective Faith Mitchell vom Atlanta Police Department nimmt Will die Fährte auf. Obwohl sie einen schlechten Start miteinander hatten – Will hat interne Ermittlungen geleitet, bei denen auch die Verfehlungen von Faiths Mutter ans Tageslicht kamen – finden sie gemeinsam heraus, wer der junge Mann ist, den Emmas Mutter erwürgt hat – und es zeigt sich, dass er nicht der Mörder war, sondern nur Emmas Freund... Slaughter hält die Spannung vom Beginn des Prologes an hoch; auch, wenn sie ihrem Ermittlerduo notgedrungen ab und zu eine Pause gönnt, um ein paar Stunden zu schlafen, dem Leser gönnt sie keine. Es gibt zwar auch ruhige Momente, Momente, in denen das Privatleben von Will oder Faith kurz zum Vorschein kommt, aber die werden jäh von neuen Aspekten des Falls unterbrochen. Das Ermittlerduo ist ohnehin etwas, das dem Buch noch einmal zusätzliche Spannung gibt. Sie bilden nur sehr widerwillig ein Team; Will ist daran gewöhnt, allein zu arbeiten, und Faith hasst den „Kerl vom GBI“, weil er ihre Mutter in die verfrühte Pension gezwungen hat. Doch sie beide wollen Emma finden und den Kerl, der sie gekidnappt hat; also müssen sie sich wohl oder übel zusammenraufen. Beide sind ganz normale Menschen mit Stärken und Schwächen, aber es ist natürlich schwer, das zuzugeben, wenn man gerade einen neuen Partner vor den Bug gedonnert bekommen hat. Und so sorgt ihre anfangs eher schlechte Zusammenarbeit für den einen oder anderen Schnitzer bei den Ermittlungen. Trotz der drängenden Frage, ob sie Emma noch rechtzeitig finden werden, die sich einem beim Lesen praktisch ununterbrochen stellt, macht es Spaß, Will und Faith dabei zuzusehen, wie sie die Leistungen des anderen respektieren lernen. Die Frage, ob sie sich schließlich doch noch „so richtig“ zusammenraufen werden, bleibt bis zum Ende unbeantwortet. In ihren Ermittlungen zeigt sich ein guter Mix aus Wendungen: einige, die man erwarten konnte, die einen zufrieden denken lassen „na bitte, ich hab's doch gewusst“, aber auch ein paar, die einen beim Lesen eiskalt erwischen, weil man überhaupt nicht damit rechnen konnte. Das Gute daran ist: keine davon ist unlogisch. So bildet „Entsetzen“ ein spannendes, gut durchdachtes Lesevergnügen mit stimmig angelegten Protagonisten – so spannend, dass man es vor lauter Entsetzen gar nicht mehr aus der Hand legen kann.
Karin Slaughter: Entsetzen Tb, 528 S. Blanvalet Taschenbuch Verlag, Euro 9,99 ISBN-13: 978-3442374779
Phantastischer Krimi mit furiosem Finale Kerstin Herrnkind: Mein Mann der Mörder Von Susan Müller
Das alles berichtet sie auch der Polizei und fühlt sich selbst als Opfer, denn nirgends ist sie jetzt sicher vor den Blicken der anderen und vor allem vor neugierigen Journalisten. Das alles hält sie nur mit Tabletten durch. In ihrem Dämmerzustand erinnert sie sich an ihre Liebesbeziehungen bisher. Da war noch Peter, der Geistliche, der sie, noch jugendlich, gefügig macht, indem er sie glauben lässt, sie sei trotz ihres Alters das wichtigste für ihn. Viel später wird ihr klar, dass das eine Art des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen war. Ihrer Mutter, die keine Gefühle für sie hegt, ist sie total gleichgültig, so dass Peter leichtes Spiel hat. Im Flugzeug trifft sie auf Tobias, einiges älter als sie, aber sie kann sich die Zukunft mit ihm vorstellen und wird seine Frau. Und nun das, soweit wäre ihre Vorstellung nicht gegangen, dass er sich an jungen Mädchen vergreift. Zu alldem verliert sie ihren Job in der Agentur und das natürlich zu Unrecht, ihr wird die ihr angebotene Auszeit ob der Ereignisse zum Vorwurf gemacht. Also man kündigt ihr, obwohl ihr frei angeboten wurde. Der Leser hält dies logischerweise genauso wie Xenia für total ungerecht. Xenia fühlt sich immer und überall verfolgt, von Journalisten, von Einbrechern, überall lauert jemand. Da in ihr auch der Verdacht keimt, Tobias wäre trotz seiner Flucht bei ihr gewesen und hätte Schmuck entwendet, beschließt sie, dass er eine eventuelle neue Rückkehr nicht überleben wird. Eine andere Geschichte in der Geschichte dreht sich um einen der Journalisten, die gern mit Xenia über deren Verdacht gesprochen hätten, dass ihr Mann ein Mörder sei. Basti ist nämlich über Xenia gezogen zu Kristina, in die er sich verliebt hat. Meist an seiner Seite ist Kumpel und Fotograf Matzke. Xenias Angstattacken erlebt Basti nun live mit. Seine Karriere als sogenannter „Freier“ im Verlag will er allerdings beenden, als er erfährt, dass er Papa wird und es ihm nicht gefällt, wie sein Chef Schlagzeilen machen will und mit ihm und Matzke umspringt. Doch kaum hat er gekündigt, verunglückt sein Chef und ihm wird dessen Nachfolge angeboten. Er nimmt an, ist so die finanzielle Situation als werdender Familienvater gerettet. Xenia hat sich eine Frist gesetzt, bis wann sich Tobias bei ihr gemeldet haben muss, um ihn zu töten, all das Leid, was er über andere gebracht hat, kann schließlich nicht ungesühnt bleiben. Doch in dieser Frist erscheint er nicht, aber einen Tag später, taucht er bei ihr auf. Obwohl sie gerade ein neues Leben beginnen will, mit dem Mann, der ihr von anderen schlechten Seiten aus der Jugend ihres Mannes berichtete, kommt Tobias daher. Vertrauen und Mitleid heuchelnd setzt Xenia ihren mörderischen Plan um, betäubt ihn mit K.o. Tropfen und begräbt ihn lebendigen Leibes, um ihm dann auch noch das Gesicht zu zertrümmern. Einmal Blut geleckt, will sie sich direkt noch an ihrem Peiniger von einst, Peter, rächen. Mit dessen Tod wird sie aber nicht in Verbindung gebracht, aber die Spuren für den von Tobias reichen aus, um diese auf sie zurückzuführen. Jetzt aber wird es noch mal total spannend, meint der Leser sicher, sie bekäme mildernde Umstände, da sie schließlich ein junges Mädchen rächte, wird ihm jetzt in atemberaubender Weise die Wahrheit offeriert. Xenia leidet an Paranoia. Tobias hat nichts getan, er hat ein wasserdichtes Alibi für die angebliche Tatzeit und Antonia wird lebend gefunden, sie hat sich mit einem Liebhaber aus dem Staub gemacht. Phantastischer Krimi mit einem furiosen Finale, mit dem der Leser nicht rechnen konnte. Klasse.
Kerstin Herrnkind: Mein Mann der Mörder Grafit Verlag 2011 320 Seiten, 8,99 Euro ISBN 978-3894253820
Gänsehautfeeling Garry Disher: Beweiskette Von Susan Müller
Einen entscheidenden Hinweis gibt schließlich verschämt Scobie Sutton, der zu Ellens Team gehört. Seine Frau ist ebenfalls einer Agentur auf den Leim gegangen, die Tochter Ruth eine große Karriere voraussagt und sich Fotos mit einer Stange Geld bezahlen lässt. Auch die anderen Familien der entführten oder misshandelten Kinder waren dort Kunden. Die Schlinge zieht sich zu. Ellen selbst holt sich immer mal wieder Trost und Rat bei Hal Challis, den sie immer mal anruft, da er sich ja viele Kilometer entfernt befindet. Dieser hat zusätzlich zur Sorge um den Vater noch das ungeklärte Verschwinden seines Schwagers aufzuklären. Zumindest will er das, was bei den Zuständigen vor Ort nicht auf Wohlgefallen stößt. Noch während seines Aufenthaltes stirbt der Vater, doch Hal reist nicht ab, jetzt will er es wissen und nicht gen Heimat fahren, bevor ihm Ergebnisse in der anderen Sache vorliegen, die ihm plausibel erscheinen. Hal muss Umwege gehen, dabei kommt auch seine Jugendliebe Lisa ins Visier. Voller Spannung und mit Gänsehautfeeling stellt Garry Disher die Polizeiarbeit auf den Prüfstand mit Licht- und Schattenseiten. Unglaublich, wie er die Charaktere darstellt, ohne beim Leser Verdacht zu wecken oder voreilige Schlüsse zu wecken. Er beleuchtet die verschiedenen Gesellschaftsschichten und überführt sie letztlich. Gut, dass Garry Dishers Werke in die deutsche Sprache übersetzt wurden und damit dem hiesigen Leserpublikum zugänglich gemacht werden!
Gary Disher: Beweiskette: Ein Inspector-Challis-Roman Unionsverlag 2011 439 Seiten, 12,90 Euro ISBN 978-3293204973
Gelegenheitsgauner, Gelegenheitsdetektiv Patrick Pécherot: Nebel am Montmartre Von Anne Spitzner
Hieraus ergeben sich Verwicklungen, die bis in allerhöchste Kreise führen und Pipette mehr als einmal fast den Hals kosten. Und es entsteht ein Drang in ihm herauszufinden, weswegen der Tote im Safe sterben musste. Aus dem Gelegenheitsgauner Pipette wird der Gelegenheitsdetektiv. Der Leser steckt bei Pipettes Geschichte mittendrin. Wenige können sicherlich behaupten, im Paris der 1920er Jahre gewesen zu sein, aber wenn man Pécherots Buch liest, fühlt es sich wie eine Zeitreise an. Es sei eine Hommage an Léo Malet, den Erfinder von Nestor Burma, und das Ambiente des Kriminalromans spiegelt dieses Ziel wider. Die Adeligen sind Schurken, die Dienstmädchen hübsch und ein klein wenig zügellos und der Kleine Mann hat auszubaden, was die Großen anrichten – seien es nun harte Arbeitsstunden in der Fabrik oder ein Toter im Safe. Doch Pipette lässt sich nicht unterkriegen. Gemeinsam mit ihm kann man als Leser die Pariser Unterwelt, Halbwelt und Oberschicht beobachten, kann Schlüsse ziehen, kombinieren und am Ende doch wieder alles über den Haufen werfen, um von vorn anzufangen. Ein sehr guter, klassischer Detektivroman, spannend auch unabhängig von seinem historischen und nostalgischen Hintergrund; ein Buch, auf das man sich freut und das einem die winterlichen Verspätungen von Bus und Bahn mehr als nur erträglich gestaltet.
Patrick Pécherot: Nebel am Montmatre 192 Seiten, Euro 14,90 Edition Nautilus ISBN: 978-3894017200
Phil Rickman: "Der Turm der Seelen" Von Anne Spitzner
Neben dem Mystery - Handlungsstrang jedoch entwickeln sich noch weitere. Einer davon ist ein deutlich realistischerer als der eines Exorzismus, denn es geht um ein tatsächliches Verbrechen, das sich vor vielen Jahren zugetragen hat. Die Ermittlungen in diesem Fall gehen schleppend voran, weil den Protagonisten, Merrily und ihrem Freund Lol, alles mögliche verheimlicht wird. Die Bewohner des kleinen Dorfes halten ihre Geschichte so argwöhnisch unter Verschluss wie ein Drache sein Gold. Als Mysterythriller kann man „Der Turm der Seelen“ nicht bezeichnen, dafür ist er ein wenig zu beschaulich und gemütlich. Nicht, dass es stören würde. Rickman nimmt sich viel Zeit, um in die Hopfenzeit einzuführen und seine Protagonisten zu entwickeln. Doch in diesem Fall ist es besser so, als wenn er krampfhaft versuchen würde, Fahrt aufzunehmen á la Dan Brown. Eher ist es ein Agatha-Christie-ähnlicher Mystery-Roman, zum Kombinieren und Knobeln, und am Ende doch mit einem Ausgang, mit dem man nicht so richtig gerechnet hat. Weil aber die Atmosphäre des Romans so tiefgängig ist, kann man sich ohne Weiteres hineinvertiefen und erst wieder auftauchen, wenn der Zug anhält, das Telefon klingelt oder die Pause vorbei ist. Phil Rickman hat mit „Der Turm der Seelen“ ein (weiteres) Buch für einen gemütlichen Abend auf dem Sofa geschrieben. Wenn es draußen dunkel ist, läuft einem beim Lesen manches Mal ein kleiner, aber noch harmloser Schauer den Rücken hinunter. Dieses Buch hält den Leser beim Lesen wach und nach dem Lesen nicht vom Einschlafen ab – man könnte also sagen, dass Rickman genau die richtige Mischung für einen Mysteryroman gefunden hat.
Phil Rickman:Der Turm der Seelen624 S., Euro 9,95 rororo 2010 ISBN 978-3499253331
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
copyright by krimikon |
ISSN: 2191-527X |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||