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Erfahrungsschatz angehäuft

Harri Nykänen: „Ariel. Tod der Spinnenfrau“

Michael Connelly: „Neun Drachen“

Von Bettina Meinzinger

 

Sind ehemalige Polizeireporter dafür prädestiniert, Kriminalromane zu schreiben? In Finnland gelangte Harri Nykänen zu einiger Bekanntheit, als seine Raid-Krimireihe für das Fernsehen umgesetzt wurde. Lange verdingte sich der 1953 geborene Nykänen als Polizeireporter für die Helsingin Sanomat. Der etwa gleichaltrige Michael Connelly wiederum arbeitete im selben Ressort für diverse Zeitungen, darunter die Los Angeles Times. In puncto Mord und anderen Verbrechen konnten beide also genügend Erfahrungsschätze anhäufen.

Mit „Neun Drachen“ schickt Connelly nun bereits zum 15. Mal Detective Harry Bosch ins Rennen, Nykänen legt mit „Tod der Spinnenfrau“ den zweiten Teil seiner Reihe um Kommissar Ariel Kafka vor. Die beiden Gesetzeshüter verfügen nicht nur über sehr assoziationsreiche Namen (Hieronymus Bosch! Ariel! Kafka!), beide sind sie tendenziell beziehungsuntauglich und praktischer Weise haben sie auch je einen Bruder an ihrer Seite, der den Beruf des Anwalts ausübt.

Als der hochangesehene Vizepolizeichef Ikonen zusammen mit der halbseidenen, auch „Spinnenfrau“ genannten Erkkilä, einer ehemaligen Gangsterbraut, in deren Haus tot aufgefunden wird, entspannt sich ein Netz aus Betrug, Korruption und Lügen. Mit jedem neu eingeführten Charakter beginnen die Spekulationen und das Rätselraten um den mysteriösen Mordfall erneut. Was verbindet den ehemaligen Außenminister Matinoja mit Väisto, auch Rohr-Petteri genannt, dem kriminellen Ex-Mann der Erkkilä? Wohin verschwand der Bankräuber Heikki Isaksson und was weiß Erkkiläs frühere Zimmergenossin Uotila davon? Nykänen erzählt klar und nüchtern, durch die sich nach und nach heraus kristallisierenden Beziehungen und Verwicklungen der einzelnen Protagonisten untereinander ergeben sich immer neue Wendungen. Die Spinnenfrau webt ihr Netz und es bleibt, wie es sich gehört, bis zu Letzt spannend.

Der Ermittler Ariel Kafka arbeitet weitgehend gesetzestreu, sein Privatleben ist ruhig, seine jüdische Erziehung verursacht ihm selbst Schuldgefühle beim Betrachten von Internetseiten mit adult content, nur mit seinem sich in der Midlife-Crisis befindlichen Bruder Eli muss er sich herumschlagen.

Bei Connelly geht es da etwas hartgesottener zu. Nachdem in L.A. der Besitzer eines Schnapsladens tot aufgefunden wird, führen die Spuren alsbald zu einer chinesischen Triade nach Hongkong. Dort leben auch Boschs Ex-Frau und seine 13-jährige Tochter. Zur Seite gestellt wird Bosch, dem es unverständlich ist, wie man einen Chinesen von einem Koreaner von einem Vietnamesen unterscheiden kann, bei seinen Ermittlungen der junge Detective David Chu von der Asian Gang Unit, der ihm von Anfang an suspekt ist; umso überraschter ist Bosch, dass der seinen Job zu verstehen scheint („Bosch war inzwischen klar, dass Chu wusste, was er zu tun hatte. Er musste nicht erklärt bekommen, welche Fragen er stellen sollte.“) Während es in L.A. noch einigermaßen gemächlich zugeht – Detective Bosch verrichtet seine Arbeit mehr oder minder vorschriftsmäßig, wobei er schon mal im Büro nächtigt – handelt er, in Hongkong angekommen, jenseits von Recht und Gesetz und schießt sich innerhalb von 39 Stunden durch die Stadt. Dank seines Anwalt-Bruders bleibt dies für Bosch folgenlos, die chinesische Polizei ist schließlich selbst Schuld, dass Bosch eingreifen und für Ordnung sorgen musste. Kabumm. Wenigstens actionreich, sollte man meinen, aber oft wird die Geschichte langatmig auf unfreiwillig komische Art erzählt und mündet in öden Dialogen: „Ich fahre jetzt gleich im Lift nach oben.“ „Okay, Harry.“ „Ach so, klar.“ „Okay, gut.“ „Bis dann.“

 

Harri Nykänen

Ariel. Tod der Spinnenfrau

Geb., 288 Seiten, Euro 17,99 

Grafit Verlag 2011

ISBN: 978-3894256647

 

Michael Connelly

Neun Drachen: Thriller

Knaur TB 2011

480 Seiten, Euro 9,99

ISBN: 978-3426507896

 

Hoch

 

 

Ich gehe

Sebastian Fitzek: Der Augensammler

Von Bettina Meinzinger

 

Zugegeben, von Sebastian Fitzek hatte ich bis vor kurzem noch nie etwas gehört. Dabei ist der knapp 40-jährige Berliner, so lerne ich, momentan einer der erfolgreichsten deutschen Autoren. Die BamS nennt ihn das „German-Psychothriller-Wunderkind“, der Berliner Kurier zeigt sich eher an der pädagogischen Tragweite von Fitzeks Werk interessiert: „Deutschlehrer schwören auf Fitzek: Mit seinen Romanen bringt er die Kids wieder zum Lesen“ (nachzulesen auf der Homepage www.sebastianfitzek.de).

An einem Novemberabend nun lud Lehmanns Buchhandlung zum ausverkauften Krimi-Abend mit dem „Meister des Wahns“ (Brigitte). Gespannte Aufregung zieht durch die Reihen von Pärchen und Freundinnengrüppchen, die so zahlreich erschienen sind. Alles, was Fitzek dann sagt, wird mit schallendem Gelächter quittiert. Bei der Geschichte von der Plazenta, die er und seine Frau, die beiden sind neulich Eltern geworden, im Wald vergraben haben, laufen einer seiner anwesenden Anhängerinnen mittleren Alters gar Lachtränen über die Wangen. Fitzek weiß sein Publikum zu unterhalten. Auch Zwischenfragen beantwortet er bereitwillig und ausgiebig.

Dann stellt der Autor seine Lieblingskrimis vor. Er macht das sehr kurzweilig und unterhaltsam, so dass man Lust bekommt, einige davon zu lesen. Glücklicherweise hält Lehmanns Fachbuchhandlung alle der vorgestellten Titel zum Verkauf bereit!

Fitzek liest noch ein paar Zeilen aus seinem aktuellen Roman „Der Augensammler“.

(Die Geschichte ist wie folgt: Typ mit dissozialer Persönlichkeitsstörung entführt Kinder, bringt sie in ein Versteck, tötet deren Mütter und stellt den Vätern ein Ultimatum, während dessen der Nachwuchs vor dem Erstickungstod gerettet werden kann. Das (unfreiwillige) Ermittlerteam aus einem Polizeireporter und der blinden, angepunkten jungen Physiotherapeutin, lässt an Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander aus Stieg Larssons Millennium-Trilogie denken. Auch wenn es gegen Ende spannend wird, entwickelt sich der „Der Augensammler“ doch nie zu so einem fesselnden Pageturner, der einen bis tief in die Nacht wachhält wie die Bücher des bereits verstorbenen Schweden), dann steht er bereit zum Signieren. Ich gehe, es ist klar: alle lieben Fitzek.

Seine Fans haben den „Augensammler“ bestimmt sowieso schon längst im Bücherregal stehen, alle anderen, die wie ich noch nie etwas von Sebastian Fitzek gehört haben, können ihn getrost auch weiter ignorieren.

 

Sebastian Fitzek

Der Augensammler

Geb., 448 Seiten, Euro 16,95

Droemer 2010

ISBN: 978-3426198513

 

Hoch

 

 

Visionäre Zukunftsszenarien vs. reaktionäres Verharren

"Die Debatte über »Human Enhancement«. Historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen"

Von Melanie Grundmann

 

Der Band "Die Debatte über »Human Enhancement«. Historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen" will die Human Enhancement-Debatte um ethische, philosophische, geschichtliche und literarische Beiträge bereichern. Zentrale Bezugspunkte aller Beiträge sind John Desmond Bernal, John Burdon Sanderson Haldane und Julian Sorell Huxley mittels derer die Parallelen zwischen dem britischen Diskurs Anfang des 20. Jahrhunderts und der aktuellen Debatte herausgearbeitet werden sollen. Es wird - ohne weitere Anführung von Belegen - kritisiert, dass letztere eine "bedenkliche ideologische Schlagseite" gewonnen habe und dass die Vorstellungen einer Verbesserung des Menschen zunehmend "radikal" erscheinen (Stichpunkte: Cyborgisierung sowie die Überwindung des biologischen Alterns und des Todes). Wenn Human Enhancement jedoch die "Verbesserung des Menschen mit wissenschaftlich-technischen Mitteln" meint, so sind solche Vorstellungen der Entwicklung inhärent. Diese Erweiterungen über das Natürliche hinaus sind per se radikal, da sie mit tradierten Vorstellungen des Menschseins und den über Jahrtausende gültigen Grenzen des Machbaren und Vorstellbaren brechen. Die beschleunigten Fortschritte in Wissenschaft und Technologie führen offensichtlich zu einer technologischen Erweiterung des Menschen. Schon heute wird beispielsweise daran geforscht, Parkinson-Patienten Computerchips zu implantieren.[1] Das menschliche Erkenntnisstreben wird unweigerlich dazu führen, dass die durch Technologie unterstützte Evolution des Menschen fortschreitet. Anstatt, wie im vorliegenden Band, in reaktionärer Form den Ideologismus eines nicht näher spezifizierten Transhumanismus zu kritisieren, sind offene Diskussionen darüber nötig, wie die Gesellschaft mit diesen neuen Chancen und Risiken umgeht. Eben das ist erklärtes Ziel der Transhumanisten und nicht etwa, wie die Herausgeber des Bandes nahe legen, ein dogmatischer und pseudoreligiöser Technofanatismus. Auch lehnen Transhumanisten nicht zwingend "alle Einbettungen (des Menschen) in übergreifende natürliche und kulturelle Kontexte" ab. Der Transhumanismus ist keine feste Organisation, vielmehr ein loser Zusammenschluss vielfältiger Individuen, die sich mit der Zukunft des Menschseins beschäftigen und durchaus kontroverse Diskussionen führen. Der Transhumanismus ist also keineswegs "untauglich für gesamtgesellschaftliche Debatten und sachliche Auseinandersetzungen über zukünftige Formen der Lebensgestaltung", sondern vielmehr ist das eines der zentralen Anliegen der "Bewegung". Allein die Tatsache, dass der Sammelband immer wieder Nick Bostrom zitiert und andere Vertreter des Transhumanismus ausblendet, zeigt die Verengung der Perspektive.

Die von den Herausgebern vorgenommene Typologisierung der Positionen gegenüber Human Enhancement in Transhumanisten, liberale Ethiker, konservative Ethiker und Skeptiker erweist sich als fragwürdig, da in den einzelnen Beiträgen - wenn überhaupt - namentlich lediglich auf die Position der Transhumanisten eingegangen wird, wenngleich viele der Beiträge den beiden letzteren Positionen zuzurechnen sind, wodurch der Band eine sehr einseitige Ausrichtung gewinnt.

 

Der Band teilt sich in vier Abschnitte:

(1) Gründerfiguren und Gründungsdiskurse

(2) Historische Zusammenhänge und Hintergründe

(3) Literarische Kontexte

(4) Kritische Perspektiven und aktuelle Bezüge

 

Der erste Teil widmet sich den Ursprüngen der Human Enhancement-Debatte, die bis  in die 1870er Jahre zurückreichen. Die transhumanistische Zukunftsvision (das optimierte, rationalisierte Gehirn, das auch ohne Körper zu existieren vermag; die  "Verbesserung" des Körpers; Unsterblichkeit; die Eroberung des Weltraums) führt Christopher Coenen unter Bezug auf Reades The Martyrdom of Man (1872) in seinem Beitrag bis in die 1870er Jahre zurück. Eine weitere Motivsuche führt Reinhard Heil zu den Naturwissenschaftlern Bernal, Haldane und Julian Huxley, welche um 1920 diverse noch heute gültige Topoi prägten: gesteigerte Rationalität des Menschen, bessere Kontrolle der Emotionen, Verlängerung des Lebens, Unsterblichkeit. Der 1. Weltkrieg, in welchem das durch moderne Technik und Wissenschaft mögliche Grauen überdeutlich zum Ausdruck kam, erscheint bei Coenen als gemeinsamer Bezugspunkt der Ausprägung dieser Topoi. So postulierten Bernal und Haldane eine rationalisierte Zukunft, die sie einer irrationalen Gegenwart gegenüberstellten, in der der Fortschritt zum Quell des Leidens und Unglücks wurde. Diese durch den 1. Weltkrieg manifestierte Krise des Fortschritts sieht Coenen als Ursprung der frühen transhumanistischen Zukunftsvision.

 

Thomas Möbius untersucht in seinem Beitrag Dostojewskis Kritik am Ideal des Neuen Menschen in Tschernyschweskis Utopie Was tun? (1863), welche eine rationale Kontrolle des menschlichen Geistes fordert. Wenngleich Tschernyschweskis Neuer Mensch nicht "enhanced" ist, sondern vielmehr sozio-kulturell umerzogen wird, so sei die Problematik doch analog. Die Ethik werde bei Tschernyschweski zu einer Naturwissenschaft, da Handeln und Fühlen des Menschen mathematisch berechenbar werden. Dostojewski widerspricht dieser These und identifiziert gerade den unbestimmbaren und unvernünftigen Willen als Wesensmerkmal menschlicher Existenz. Auch sei ein utopischer Zustand absoluten Glücks keinesfalls befriedigend, vielmehr sei der Weg das eigentlich Ziel mit all seinen Herausforderungen und Hürden. Trotz Dostojewskis Kritik gewann der Topos des Neuen Menschen im postrevolutionären Diskurs weiter an Bedeutung. So sprach Trotzki vom "Übermenschen", der die körperlichen Prozesse durch Kontrolle der Vernunft unterwerfen könne und das Unbewusste zu steuern vermöge. Künstliche Auslese und psycho-physisches Training unterstützten den Prozess der Schaffung eines höheren Menschen. Die Maschine wurde schließlich zum Symbol dieser Bewegung. Nicht nur der Mensch wurde als Maschine begriffen, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes. Wo zuvor die Erfahrung des Krieges neue Ideale produziert hatte, ist es hier die Krise der Moderne, die das Individuum seiner Ganzheitlichkeit und Einbettung in feste Strukturen beraubte. Die Maschine suggerierte eine verloren gegangene Ordnung und Planbarkeit und bot dem Individuum Trost in trostlosen Zeiten.

 

Der zweite Teil des Bandes widmet sich historischen Kontexten. So untersucht Andreas Kaminski, ob Intelligenzforschung und Psychotechnik von 1903-1933 als Protoformen von Human Enhancement gelten können. Die ingenieursmäßige und praxisorientierte Psychotechnik strebte, wie die Messbarmachung der Intelligenz, nach einer Optimierung und Verbesserung des Menschen im Sinne von Effizienzsteigerung. Dabei kommt Kaminski zu einem negativen Urteil. Es handle sich dabei weniger um Human als vielmehr um Social Enhancement. Dennoch leisteten sie einen Beitrag zu den Vorstellungen technischer Steigerungs- und Optimierungsprogramme im 20. Jahrhundert.

 

Rainer Becker untersucht, wie in den kybernetischen Diskursen der Mitte des letzten Jahrhunderts bei Norbert Wiener, Walter Cannon und Claude Bernard zentrale Elemente des heutigen Denkens und Handelns vorbereitet wurden, denn von der Stabilisierung und Wiederherstellung von Systemen - seien sie nun technologischer, gesellschaftlicher oder biologischer Natur - sei es nur ein kurzer Schritt zur Verbesserung.

 

Andreas Woyke behandelt die Divergenz im Verständnis von "Natur" und "Technik" im Sinne einer "Technisierung der Natur" oder einer "Naturalisierung der Technik" zwischen 1880 und 1940. Er widerspricht zunächst der Alternativlosigkeit gegenüber einer zunehmenden Technologisierung der Welt und des Menschen. Die Anfänge der Biotechnologie seien in der Organischen Chemie zu sehen, die seit 1828 organische Stoffe künstlich herstellen könne. Umgekehrt wurden Organe und andere biologische Elemente bald als verfeinerte Maschinen betrachtet. Neue naturwissenschaftliche Disziplinen im Grenzbereich zwischen belebter und unbelebter Natur führten schließlich zu neuen Utopien, die einerseits eine Technisierung der Natur vorsähen, andererseits eine Naturalisierung der Technik - nicht zuletzt bei Haldane und Huxley. Als kritisch ist zu erachten, dass Woyke in seinem Schlussplädoyer behauptet, Naturwissenschaftler und naturalistisch orientierte Philosophen, insbesondere aber Transhumanisten, bestritten "in zunehmend militanter Weise lebensweltlichen, religiösen und anderen weltanschaulichen Welt- und Selbstverständnissen ihre Berechtigung" ohne auch nur einen Beleg dafür zu liefern. Fragwürdig mutet insbesondere Woykes Zitat von Hans Jonas an, der Mensch solle sich um eine Einordnung ins Animalische und die Natur bemühen und als Kulturwesen seine "transanimalen Züge" anerkennen. Hier wird nicht nur verkannt, dass die Evolution keinesfalls beim "Primatensprung" endet, sondern auch, dass der Begriff der Natur einem beständigen Wandel unterzogen ist.

 

Das Plädoyer pro Natur dominiert auch die literarischen Kontexte, die den dritten Teil des Bandes bilden. Die Entfremdung von der Natur greift Alfred Nordmann in seinem Aufsatz über T. H. Lawrences Lady Chatterley (1928) erneut auf. Die Protagonistin ist von einer Gesellschaft umgeben, die Retortenbabys als Lösung zur Befreiung des Geistigen vom Körperlichen und eine Impfung gegen Schwangerschaft herbeisehnt. Der Körper wird als Belastung empfunden, die die Entfaltung einer höheren Geistigkeit behindert. Die Protagonistin widersetzt sich jedoch diesem empfundenen Verlust der Menschlichkeit, als sie auf einen naturverbundenen Mann trifft, der ihr das Empfinden für den eigenen Körper und seine Sinnlichkeit zurück gibt.

 

Woyke widmet sich den technologischen Perfektionierungsidealen in der Literatur von Michel Houellebecq. Die von Hoellebecq imaginierte Schaffung einer neuen Menschenrasse von Klonen, die an der Eintönigkeit und Sterilität ihrer Existenz leidet und sich schließlich in perfide Selbstmordrituale flüchtet, offenbart ebenfalls eine deutliche Kritik an den Human Enhancement-Visionen.

 

Im letzten Kapitel widmet sich der Band kritischen Perspektiven und aktuellen Bezügen der Human Enhancement-Debatte. Arianna Ferrari untersucht in ihrem Beitrag, inwiefern die Vorstellung des Human Enhancement auf einem bestimmten Naturverständnis basiert. So sei die Vorstellung einer Verbesserung des Menschen auch an die einer Verbesserung seiner Umwelt gekoppelt. Insbesondere im nanotechnologischen Bereich sei zu beobachten, dass Natur als etwas Veränderbares begriffen wird, das vom Menschen technologisch genutzt und nachgeahmt werden kann. Damit zerfalle ein dichotomisches Weltbild zugunsten eines "Dreiecks aus Natur, Artefakt und Kultur". Der permanente Wandel und die Neuerschaffung von Natur führe auch zu einer prinzipiell endlosen Neugestaltung des Menschen. Die damit entstehende offene Zukunft erfordere ein hohes Maß an Verantwortung, so dass Ferrari letztlich verstärkte ethisch-politische Debatten über die technologischen Entwicklungen fordert.

 

Nicolas Langlitz untersucht die Renaissance psychedelischer Drogen als Alternative zur kosmetischen Psychopharmakologie, also des nicht-medizinischen Einsatzes von Substanzen zur Verbesserung mentaler Zustände. Die Halluzinogenforschung erlebe nach einem ersten Hoch in den 1960er Jahren und anschließender Kriminalisierung und Tabuisierung nun seit den 1990er Jahren einen erneuten Aufschwung. Neben leistungs- und stimmungssteigernden Drogen seien in Zukunft Mittel für gesteigerte Empathie und Spiritualität zu erwarten. Langlitz dämmt jedoch vorschnelle Hoffnungen. So sei eine gezielte Produktion derartiger Substanzen nach heutigem Wissenstand unmöglich. Die Effektivität bereits erhältlicher Psychopharmaka sei darüber hinaus äußert begrenzt und führe, bei teilweise signifikanten Nebenwirkungen, zu keinen nennenswerten Verbesserungen menschlicher Leistungsfähigkeit.

 

Der abschließende Beitrag verdeutlicht die latent reaktionär-kritische Tendenz des Bandes. Hava Tirosh-Samuelson bietet eine Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus aus jüdischer Perspektive. Wenngleich das Judentum biowissenschaftlichen und technologischen Fortschritten prinzipiell positiv gegenüberstehe, kritisiert Tirosh-Samuelson doch die beiden Topoi radikale Lebensverlängerung und Cyber-Unsterblichkeit als Verachtung des menschlichen Körpers. Tirosh-Samuelson beobachtet, dass der Mensch zunehmend zum Designobjekt werde - ein praktische Anwendbarkeit suggerierender Kritikpunkt, der derzeit besser im Bereich der plastischen Chirurgie als in der Human Enhancement-Debatte angebracht erscheint, die weitestgehend auf theoretische Erörterungen beschränkt ist. Weiterhin befürwortet Tirosh-Samuelson das Altern, da der Mensch an Weisheit gewinne, wenn er sich seiner wachsenden Gebrechlichkeit und dem Nachlassen seiner Kräfte stelle. Es sei dahingestellt, ob der Mensch nicht einfach aufgrund wachsender Lebenserfahrung an Weisheit gewinnt und folglich mit einem längeren, gesünderen Leben nicht noch mehr Weisheit erlangte. Tirosh-Samuelson stellt anschließend die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens und sieht diesen darin, das eigene Leben bedeutsam und für andere lehrreich werden zu lassen. Ein verlängertes Leben schließt diese Möglichkeit keinesfalls aus, sondern bietet gar weitaus mehr Möglichkeiten dazu. Aktuell leiden Tirosh-Samuelson zufolge so viele Menschen an innerer Leere, Langeweile und einem Gefühl von Sinnlosigkeit, weil ihnen dieses Gefühl fehle. Sie kritisiert den Transhumanismus dafür, diesen Zustand unendlich aufrecht erhalten zu wollen. Hier wird jedoch ein Problem verlagert. Wenn dem tatsächlich so sein sollte, stehen wir einem gesellschaftlichen Problem gegenüber, dem auch bei der derzeitigen normalen Lebensspanne begegnet werden muss.

 

Das Prinzip der kybernetischen Unsterblichkeit kritisiert Tirosh-Samuelson, da es das religiöse Verständnis der Schöpfung und die "Segnungen des Lebens" in Frage stelle. Dabei werde die Individualität des Menschen ausgeschaltet, allerdings gibt es bei den verschiedenen Theorien und Szenarien des Gehirn-Uploading keinesfalls einen Konsens hinsichtlich einer Angleichung aller Individuen. Im Gegenteil soll die beizeiten vorgestellte Vernetzung diverser Gehirne ja gerade die individuellen Fähigkeiten vereinen. Anzumerken sei noch, dass auch die von Tirosh-Samuelson präferierte Religiosität die Individualität des Menschen unterdrückt und Konformität fordert, ebenso wie auch sie ein Ideal der Vollkommenheit impliziert, wenn propagiert wird, Gott habe die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Tirosh-Samuelson kommt zu dem Schluss, dass sich der Mensch mehr dem Streben nach einem Ideal als dessen Verwirklichung widmen sollte, was die Existenz eines Endstadiums voraussetzt, die nicht gegeben ist. Das menschliche Erkenntnisstreben wird uns immer weiter führen, wobei auch Rückfälle und totale Vernichtung nicht auszuschließen sind. Tirosh-Samuelson übersieht auch, dass die Bedeutung des "Menschseins" einem beständigen Wandel unterworfen ist. Nur weil der Tod über Jahrtausende eine unausweichliche Bedrohung darstellt, heißt das noch lange nicht, dass dies so bleiben muss - wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich eine solche Perspektive auch sein mag. Das Zitieren antiker Denker hilft da nicht weiter, denn der Mensch steht in einem evolutionären Prozess und hat in den letzten zweitausend Jahren beachtliche Fortschritte im Denken und Handeln erzielt. Tirosh-Samuelson wirft dem Transhumanismus schließlich vor, einzig an einer Verbesserung der (unspezifizierten) menschlichen Leistungsfähigkeit interessiert zu sein, jedoch nicht an der seiner moralischen Integrität, was schlichtweg falsch ist. Dennoch ist Tirosh-Samuelsons Forderung zu unterstützen, dass sich Theologen, Politiker, Historiker, Soziologen und Politikwissenschaftler stärker in die Debatte um Human Enhancement einmischen sollten.

 

Fazit: Der Sammelband bietet interessante Einblicke in historische Hintergründe und Entwicklungsschritte der Human Enhance-Debatte abseits des rein naturwissenschaftlichen Diskurses. Auch die Forderung nach breiteren gesellschaftlichen Diskussionen ist zu unterstützen. Der hier erfolgende kritische Blick auf die visionären Zukunftsszenarien ist durchaus wünschenswert, nimmt hier aber beizeiten eine allzu reaktionäre Position ein. Insbesondere der abschließende, religiös gefärbte Beitrag rückt den Band in eine allzu tendenziöse Richtung. Überdies ist zu kritisieren, dass wiederholt Meinungen und Theorien geäußert werden, für die keine Belege angeführt werden.

 

 [1] http://www.sciencedaily.com/releases/2010/06/100628152645.htm

 

Christopher Coenen, Stefan Gammel, Reinhard Heil, Andreas Woyke (Hg.):

"Die Debatte über »Human Enhancement«. Historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen"

transcript 2010

331 S., Euro 31,80

ISBN 978-3837612905

 

Hoch

 

     
 

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ISSN: 2191-527X