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Gut recherchierter Krimi

Nicole Bachmann: Inzidenz

Von Anne Spitzner

 

Ein brillanter Statistiker springt von seinem Arbeitsplatz aus in den Tod. Lou Beck, die beste Freundin des Mathematikers, findet schnell heraus, dass etwas an diesem „Selbstmord“ nicht stimmen kann. Sie findet Daten auf seinem Computer, die sie nach und nach zu einer gruseligen Entdeckung führen – eine Ermittlung, die sie selbst das Leben kosten kann.

„Inzidenz“ ist der zweite Fall von Lou Beck, Nicole Bachmanns Ermittlerin. Erzählt aus der Ich- Perspektive einer sympathischen, wenn auch irgendwie kaputten Heldin, nimmt er den Leser mit auf Lous Ermittlungsweg, lässt ihn gemeinsam mit ihr heraufinden, weswegen Gian, ihr Freund, sterben musste, und wer noch alles etwas vor ihr zu verbergen hat.

Dennoch dauert es einen Moment, bis „Inzidenz“ einen so sehr gefangen nimmt, dass man das Ende kaum noch abwarten kann. Das tut es, aber leider erst ab der Mitte des Buches; vorher erscheinen Lous Trauer, ihre Beziehungsprobleme mit ihrem Freund und die ersten zaghaften Versuche, Licht ins Dunkel zu bringen, ein wenig banal. Erst später nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf, Lou verfolgt parallel mehrere Fährten, sodass man das Buch kaum noch aus der Hand legen kann.

Das Ende kommt überraschend. Es stellt sich heraus, dass keiner der „üblichen Verdächtigen“ schuld an Gians Tod ist, jedenfalls nicht direkt, sondern einer von denen, die Lou geholfen haben, mehr über das Ende ihres Freundes herauszufinden. Diesem Ende fehlt es, anders als manch anderen überraschenden Wendepunkten, ein wenig an Realitätsnähe. Es ist spannend, sicher, und man ist als Leser froh, als die Heldin endlich alles überstanden hat; aber auf den zweihundertfünfzig Seiten zuvor hat es lediglich einen einzigen Hinweis darauf gegeben, der außerdem noch auf die Eifersucht von Philipp, Lous Freund, zurückgeführt werden könnte. Die Lösung des Falls, das Motiv für das Verbrechen, alles kommt verdammt schnell und wirkt in seiner Plötzlichkeit leider ein wenig aus der Luft gegriffen.

Abgesehen davon, und wenn man erst einmal über die erste Hälfte des Buches hinaus gelesen hat, macht Nicole Bachmanns Krimi viel Spaß. Die Figuren sind mit viel Tiefgang und Liebe – manchmal ein wenig zu detailiert – beschrieben, und abgesehen vom plötzlichen Ende gibt es keinerlei Logikbrüche in der Handlung. Die „privaten Geschichten“, die nebenher laufen, wie die Probleme mit Philipp, sind zwar präsent, werden aber nie aufdringlich, und – was noch wichtiger ist – sie werden nicht überdramatisiert, wie es sonst leider häufig der Fall ist. Wohltuend ist auch der Umgang mit den wissenschaftlichen Themen in Bachmanns Krimi; es geht um Umweltgifte, Chemie, aber auch um viel Statistik, und obwohl dies ein Thema ist, das den meisten einen Schauer über den Rücken laufen lässt, schafft Nicole Bachmann es, die komplizierten Sachverhalte so völlig selbstverständlich und glatt zu beschreiben, dass man sich gar nicht daran stören kann, auch wenn man die Materie nicht kennt.

Wenn man also einen  Krimi mit völlig normalen Leuten lesen würde, deren Leben nicht immer nach Plan läuft, die sich in vielen Situationen hilflos fühlen und die am Ende von ihren eigenen Ergebnissen überrollt werden, dann ist „Inzidenz“ die exakt passende Lektüre. Und für jemanden, der einfach einen gut recherchierten Krimi lesen will, auch.

 

Nicole Bachmann: Inzidenz

393 Seiten, 18,90 Euro

salis Verlag 2011

ISBN 978-3905801392

 

Hoch

 

 

Ein Debüt, das nicht wie eines wirkt

Marko Kilpi: "Erfrorene Rosen"

Von Anne Spitzner

 

Was haben eine Bombendrohung, ein Praktikant und eine verkorkste Vater- Sohn- Beziehung miteinander zu tun?

Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten jedoch eine ganze Menge: Olli Repo, Polizeianwärter, muss sein Praktikum in seiner Geburtsstadt absolvieren. Einer seiner ersten Einsätze dabei findet bei einer Bombendrohung in einem Kaufhaus statt. Zumindest diese Zusammenhänge wären nun also geklärt; doch in „Erfrorene Rosen“, dem packenden Debüt von Marko Kilpi, gibt es noch ganz andere Fäden, die sich ineinander und umeinander wirren.

Denn Olli hat nicht nur Probleme mit seinem ersten richtigen Fall, der sich plötzlich größer darstellt als ursprünglich gedacht. Er hatte seine Heimatstadt verlassen, um seinem Vater zu entkommen, hat weit entfernt eine Freundin und einen Sohn, von denen sein Vater nichts weiß. Jetzt stehen sie sich plötzlich wieder gegenüber – fremd, auseinandergelebt, einander verhasst.

Mit seinem neuen Kollegen, Tossavainen, gerät Olli zu Beginn beinahe aneinander, doch sie arrangieren sich schnell. Tossavainens Ruhe und Erfahrung helfen Olli, trotzdem können sie ihn nicht vor allem beschützen: vor übereilten Schlussfolgerungen, vor Rüffeln von Vorgesetzten – auch vor seinem Vater nicht.

Der Leser erlebt Ollis erste Zeit bei der Polizei hautnah. Olli fragt, was der Leser wissen will, erhält verwirrende Antworten und sieht nur langsam klar. Olli, der Aussteiger, der Flüchtling, der sich seinem Vater und seiner Vergangenheit stellen muss: der Leser steckt in seinen Schuhen, geht jeden Schritt mit, jeden nach vorn und jeden zurück. Durch Kilpis in der Gegenwartsform gehaltene Erzählung sieht man Olli über die Schulter, ohne jedoch seine Gedanken weit genug vom Protagonisten lösen zu können, um eigene Schlussfolgerungen ziehen. Der Fall rückt immer weiter ins Blickfeld, und Ollis Vergangenheit verstrickt sich immer weiter hinein: woher weiß sein Vater von der Bombendrohung, woher kennt er die Motive des Täters?

Überraschende Wendungen, fantasievolle Polizeibeamte, die nicht nur Routineermittlungen abhaken, Anfänger- Schwarzweißdenken neben erfahrenen Grautönen, all das verflicht sich in „Erfrorene Rosen“ zu einem Bild, das den Leser nicht mehr loslässt.

Am Ende gelingt es Kilpi, beide Erzählstränge, den beruflichen und den privaten, zu einem Finale zu führen, einem vom Schicksal bestimmten Ende, nachdem im Buch viel darüber diskutiert worden ist, ob es so etwas wie Schicksal überhaupt gibt.

„Erfrorene Rosen“ bindet den Leser durch seine Spannung, die Handlungen führen auf ein Ende zu – ob es ein happy end ist, bleibt der Interpretation des Lesers überlassen. Das Finale lässt den Leser gewissermaßen in der Luft hängen, womöglich als Antwort auf die Frage, ob es Schicksal gibt. Der Täter und Ollis Vater, beide haben sie Einfluss auf sein Leben genommen, letzterer mehr als ersterer; doch schließlich endet dieser Einfluss – und Olli muss sein Leben selbst in die Hand nehmen.

Mit „Erfrorene Rosen“ ist Marko Kilpi ein Debüt gelungen, das nicht wie eines wirkt. Es macht eher den Eindruck, als kenne man Olli Repo schon aus fünf Vorgängerromanen; sein Schicksal, seine Art, sie bleiben haften. Es dauert lange, bis die „Erfrorenen Rosen“ aus dem Gedächtnis wegtauen.

 

Erfrorene Rosen

Marko Kilpi

284 Seiten, 8,99 Euro

Grafit Verlag

ISBN 978-3894255664

 

Hoch

 

 

Es kommt der Moment im Buch

Paul Grote: Der Champagnerfond

Von Susan Müller

 

Philipp ist Chefverkoster für einen großen Weinimporteur in Köln. Dies ist ihm auch neben dem Beruf eine Berufung. Er ist zudem alleinerziehender Vater, der sich recht gut mit seinem Sohn Thomas versteht. Man könnte meinen, es sei alles in Ordnung.

Sein Chef Langer stellt erst eine neue Sekretärin ein, die dem lang allein lebenden Philipp, den Kopf verdreht und spricht ihn dann auch noch auf eine neue Aufgabe innerhalb der Firma an.

Er soll in Frankreich die Lage und die Gegebenheiten für einen Fond checken und sich mit den Weinhändlern treffen, mit denen ihn teilweise gar eine Freundschaft verbindet.

Das alles wird mehr und mehr zu einem Albtraum, der immer mehr Verwirrung in Philipps Leben stiftet. Als er die Weinkeller besuchen will und den Verantwortlichen Torraine sucht, ist der angeblich noch nicht vor Ort, wird aber wenig später von Philipp im selben Ort ausfindig gemacht. Sein Chef selbst erwähnt immer noch einen noch größeren Drahtzieher, Goodman, der Bankier ist. Beide sollen diejenigen sein, die finanzieren und bestimmen sollen. Philipp soll sich lediglich einen Überblick in Frankreich verschaffen und alles wird immer mysteriöser und ungereimter. Er setzt sich mit befreundeten Winzern in Verbindung, die ihm Auskünfte beschaffen sollen und er weiht seinen Sohn Thomas ein. Langer wiederum, dem Philipp von seinem Anfangsverdacht der Korruption erzählt, beschwichtigt und schwächt das ganze ab.

Thomas fährt mit in in die Weinberge von Frankreich und macht sich selbst ein Bild von der Lage und um seinen Vater zu unterstützen.

Die Lage um einen tödlichen Unfall von einem Informanten lässt die Situation ständig in einem anderen Licht erscheinen und sie wird von Mal zu Mal gefährlicher. Schlimmer für ihn, dass auch Thomas in die Reichweite der Betrüger gerät.

Philipp lässt nichts unversucht, die Gaunereien aufzudecken. Nachdem er durch untergeschobene kriminelle Aktivitäten die Firma verlassen und „ausreisen“ muss, und auch noch Thomas entführt werden soll und es zu einer Schlägerei kommt, ermittelt er mit Thomas´Hilfe und der eines Staatsanwaltes und seinen französischen Freunden in eigener Regie und löst bis ins Detail auf und lässt den verbrecherischen Champagnerfond auffliegen, und den Anlegern die Augen öffnet.

Ein spannendes Buch, das mit jeder Seite mehr davon aufzuweisen hat. Es wird erstaunlicherweise auch nicht zu viel Information rund um die Weinherstellung und deren Besonderheiten, die nebenbei beschrieben werden und auch die Anzahl der Personen ist nicht unübersichtlich. Es kommt der Moment im Buch, da möchte man gleich bis zum Ende durchstarten, ob es Philipp gelingt, die Verbrecher zu überführen und vor allem wie.

Paul Grote hat Weinanbau und Fondsbesonderheiten sowie vorkommende dunkle Machenschaften in der Wirtschaft gut miteinander vereint.

 

Paul Grote:

Champagnerfond

Taschenbuch, 400 Seiten, Euro 8,95

Deutscher Taschenbuch Verlag 2010

ISBN: 978-3423212373

 

Hoch

 

 

Viele mögliche Verdächtige

Franziska Gehm: "Tränenengel"

Von Susan Müller

 

Polizeithauptkommissar Sälzer wird zu einer grausamen Tat gerufen. Auf einer Badeinsel im See wurde ein ein nacktes Mädchen mit zahlreichen tiefen Schnittwunden gefunden. Glücklicherweise hat das Mädchen Flora dies überlebt, sie sollten wohl auch nicht tödlich sein. Völlig unterkühlt allerdings wird sie aufgefunden.

Bleibt die Frage aller Fragen, warum, weshalb, wieso? Wer hatte ein Motiv? Erinnert es nicht gar an etwas Ritualähnliches?

Sälzer und Masaryk beginnen in Floras Umfeld. In der Schule und daheim. Sie suchen Zeugen. Eine Frau mit einem Hund, die ein Liegerad vorbeifahren sah. Der Rentner, der „nur“ die zugerichtete Flora fand, aber sonst nicht verdächtiges bemerkt hat. Ein gutes Stück Arbeit kommt auf die beiden Kommissare zu. Und das Schlimmste und zu allem Überfluss: Flora kann sich an nichts erinnern und spricht daher nicht. Auch ihre beste Freundin Trixi kommt nicht an sie heran.

Tage nach der Tat besucht ihr Freund Andro Flora, doch auch ihm gegenüber erwähnt sie außer der fehlenden Erinnerung nichts. Sie sucht nur seine Nähe und Halt, er wiederum hat wenig Ahnung, wie er damit umgehen soll. Ihre Wunden körperlich wie seelisch lassen ihn zögernd reagieren.

Sälzer und Masaryk finden den Liegeradfahrer. Es ist Patrick aus Floras Parallelklasse. Er schwärmt schon lange für Flora, aber diese wies ihn ab. Sein Vater W. Felber hat einen Gnadenhof für Tiere und daher eilt ihm der Felber-Ruf voraus.

Nach längerem Hin und Her bekennt Patrick am unseligen Abend am See gewesen zu sein und Andro und Flora im Streit beobachtet zu haben. Andro sei dann aber wütend davongefahren. Er selbst sei am anderen Ufer gewesen und irgendwann heim gefahren. Da hatte ihn ja auch jemand gesehen. Die andere Seite des Ufers hatte er nicht aufgesucht. Andro, mit dieser Aussage konfrontiert, präsentiert Ivana als Alibi. Sie habe er besucht und wäre geblieben, da er Floras Stimmungsschwankungen nicht mehr ertrug.

Plötzlich sind da noch Götz und Hagen, der eine Freund von Floras Mutter, der andere dessen Sohn. Als Trixi sich in letzteren verliebt und auch Andro die Beziehung zu Flora beendet, wenn auch mit sehr schlechtem Gewissen, ob ihres Zustandes, schwärzt und zeigt Flora Hagen an. Der weiß nicht, wie ihm geschieht, aber verliert dadurch Trixi. Bis diese bei einer Shopping Tour mit Flora hinter deren düsteres Geheimnis kommt. Sie war es selbst und hat sich alles selbst beigefügt und schlug für sich damit mehrere Fliegen mit einer Klappe. Sie bekam Aufmerksamkeit, wurde Götz und Hagen aus der Familie und als Freund ihrer Freundin los und hoffte auf Andros Mitgefühl.

'Das Blut, was aus den Wunden tritt, ist wie Tränen, die sie nicht vergießen kann.' Ein Tränenengel eben.

Fassungslosigkeit gegenüber der Tat macht sich in Trixi breit und ein wegen einer ähnlichen Tat verurteilter Lehrer wird seinen Fall wieder aufrollen lassen.

Kein Leser, insofern er nicht manchmal quer liest oder von hinten beginnt, kommt auf die Idee, Flora... . Denn Franziska Gehm beherrscht das Spiel zwischen möglichen Verdächtigen hervorragend. Spannung bis buchstäblich zur vorletzten alles erklärenden Seite.

 

Franziska Gehm: Tränenengel

dtv 2010

288 S., Euro 6,65

ISBN 978-3423782432

 

Hoch

 

     
 

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ISSN: 2191-527X