home

impressum

das krimikon

 

 

krimikon

   
     
             

 

das politische kulturmagazin

 

 

 

 

 

 

 

Be it

 

 

 

Trade it

 

 

 

Read it

 

 

leitartikel

 

 

 

nonplusultra

 

 

 

hard boiled

 

 

 

noir

 

 

 

graue zellen

 

 

 

unterhaltung

 

 

 

desperados

 

 

 

ruhige Bürger

 

 

 

polit

 

 

 

Einspruch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gangsterleben

Jim Nisbet: "Tödliche Injektion"

Von Bettina Meinzinger

 

Bobby Mencken wurde zum Tode verurteilt. Als humanste unter den Hinrichtungsmethoden soll er durch die Giftspritze sterben. Arzt Dr. Royce, der sich durch diesen Job etwas Geld dazu verdient, um die Wünsche seiner Ehefrau zu finanzieren – diese Ehe ist schon seit etlichen Jahren  kaputt -, soll diese „Tödliche Injektion“ verabreichen. Doch er zweifelt an Menckens Schuld. Nach einem weiteren wüsten Ehekrach und wie immer mit einer Flasche Whiskey intus macht er sich auf die Suche nach dem wahren Schuldigen. Dabei  gerät er an die rattenscharfe, pockennarbige Junkiebraut Colleen und den gewaltaffinen, gitarrespielenden Fast Eddie Lamark. Zum Teufel mit dem biederen Leben als alkoholkranker, abgehalfteter Doktor, das Gangsterleben mit Morphium in den Adern und der willigen Colleen an seiner Seite bringt mehr Spaß. Wir wissen natürlich, dass das nicht gut gehen kann.

Jim Nisbet schreibt cool und sexy über eine Gesellschaft, in der ein jeder krank ist und seiner individuellen Sucht frönt.  Vom ersten bis zum letzten Satz packt Nisbet uns mit seiner direkten, intensiven und stimmungsgeladenen Sprache und nimmt uns mit auf einen unheiligen Trip menschlicher Verderbtheiten. Pulp, wie du ihn haben willst.

 

Jim Nisbet

Tödliche Injektion

Pulp Master 2011

Broschiert, €12,80

ISBN: 978-3927734456

 

hoch

 

 

Ein gemütlicher Krimi

Sunil Mann: Lichterfest

Von Anne Spitzner

 

Eine verschwundene Putzfrau, deren Boss eine Riesensumme aufwendet, um sie suchen zu lassen? Dem Privatdetektiv Vijay Kumar kommt das spanisch vor, aber er braucht dringend Geld und macht sich deshalb auf die Suche. Doch die Sache wird immer zwielichtiger: Schlägereien und Überfälle, in die auch seine Freunde verwickelt werden, und die Putzfrau, die zunächst unauffindbar bleibt, machen Kumar schwer zu schaffen. Und darüber hinaus ist auch noch Diwali, das Lichterfest, das indische Fest für den Sieg des Guten über das Böse, zu dessen Feier extra eine Großtante aus Indien anreist. Kumars Eltern, die aus Indien hergekommen sind, um ein besseres Leben zu führen, warten sehnlichst auf Enkelkinder, aber für die junge Frau, die seine Mutter dafür hat in die Schweiz holen lassen, kann er partout nicht mehr empfinden als für eine gute Freundin.

In all diesem Durcheinander soll er nun also Rosa finden, die verschwundene Putzfrau, ohne überhaupt eine Ahnung zu haben, weswegen sie gesucht wird – und stolpert ahnungslos in einen Immobilienskandal, in den hochkarätige Politpromis verwickelt sind.

Dies alles schildert Sunil Mann spannend, aber durchaus beschaulich, woraus ein unverwechselbarer Ton entsteht, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Die Handlung zieht sich nie in die Länge, die Beschreibungen der Züricher Menschen und Stadtbezirke fesselt, man bleibt also immer am Ball – außer, wenn man sich gerade wieder einmal die Hand vor die Stirn schlagen muss, weil der Protagonist etwas unglaublich Blödes anstellt. Über diese Begebenheiten kann man manchmal lachen, möchte manchmal weinen und Kumar auch mal bei den Schultern packen und schütteln – aber auf jeden Fall entlockt der Privatdetektiv dem Leser viel Sympathie, so wie auch die meisten anderen Charaktere, die mit von der Partie sind. Das ist überhaupt das, wovon „Lichterfest“ in der Hauptsache lebt: seine fein gezeichneten, realitätsnahen Figuren, die sich so benehmen wie ganz normale Menschen – denn das kommt ja ganz auf die Definition an. Normale Menschen sind ja meistens auch keine Privatdetektive.

„Lichterfest“ ist alles in allem ein gemütlicher Krimi mit multikulturellem Hintergrund, innerhalb dem Sunil Mann den Spagat zwischen Schweizer und Inder mit allen Sonnen- und Schattenseiten porträtiert. Ein Genuss für jeden, der abends mal ein paar Seiten lesen und die Handlung trotzdem nicht aus den Augen verlieren will.

 

Sunil Mann

Lichterfest

320 S., Euro 9,99

Grafit Verlag 2011

ISBN: 978-3894253844

 

hoch

 

 

Der die schönen Dinge liebt

Martin Booth: „The American“

von Bettina Meinzinger

 

Signor Farfalla ist keiner, der sich damit zufrieden gibt, die Welt nur zu beobachten – er ist an ihrer Veränderung beteiligt!

An einem malerischen Ort in den Apenninen ist er damit befasst, das Rad der Geschichte ein kleines Stückchen weiter zu drehen.

Signor Farfalla ist ein Künstler, der die schönen Dinge liebt – gutes Essen, Wein, Sex, kultivierte Gespräche mit dem örtlichen Priester Don Benedetto. Auch der Tod ist für ihn ein Meisterwerk der Schönheit, weshalb FBI, CIA und KGB allesamt großes Interesse daran haben, den stets diskreten, sich im Hintergrund haltenden Signore aufzuspüren. Denn seine Ausflüge in die Berge dienen nicht nur dazu, Schmetterlinge zu zeichnen, sondern auch dazu, die Socimi Type 821 zu testen, die letzte Waffe, die er anfertigt, damit sie danach bei einem Attentat, das den Lauf der Welt wieder einmal ein wenig in eine andere Richtung stoßen wird, benutzt werden kann.

Dass international gesuchte Terroristen gerne kitschige Landschaftsmalerei betreiben, wissen wir zum Beispiel von Luis Posada Carriles, der unter anderem verschiedene Bombenanschläge und mehrere Attentate auf Fidel Castro plante. Der bereits vor einigen Jahren verstorbene Martin Booth gibt uns in seinem virtuosen, im Original unter dem Titel „A very private Gentleman“ erschienenen Roman zudem fesselnde Einblicke in den Seelenzustand eines Mannes, der denkt, durch das Auslöschen von Menschenleben die Welt verbessern zu können.

 

Martin Booth:

The American

Taschenbuch, 400 Seiten, Euro 9,95

rororo 2010

ISBN: 978-3499255151

 

hoch

 

 

Mythos und Wissenschaft, Erklärungen und Unerklärliches: Brillant gemischt

Nii Parkes: "Die Spur des Bienenfressers"

Von Anne Spitzner

 

In einer Hütte in einem kleinen ghanaischen Dorf wird eine undefinierbare Masse gefunden, ein roter Haufen Fleisch, der nichts Erklärbarem ähnelt. Die Dorfbewohner scheinen überraschend gelassen; doch da es die Freundin eines Ministers war, die in die Hütte gestolpert ist und die Fleischreste gefunden hat, besteht der Polizeiinspektor auf einer Untersuchung. Hier kommt Kayo Offamten ins Spiel. Kayo ist Gerichtsmediziner, hat in England studiert und arbeitet in einem biochemischen Labor, weil seine Bewerbung bei der Polizei vor einem Jahr abgelehnt wurde. Unter Zwang wird er in das kleine Dorf gebracht, um die Fragen zu klären: Woher kommen die roten Fleischreste? Woraus bestehen sie? Und wohin ist der Bewohner der Hütte verschwunden?

An diesem Ausgangspunkt der Geschichte treffen die beiden Hauptpersonen zusammen: Kayo, der in England ausgebildete Gerichtsmediziner, der fest an die Wissenschaft glaubt, und Opanyin Poku, der Älteste des Dorfes, ein Jäger, der die Geschichte des Kakaobauern kennt. Opanyin Poku erzählt Kayo die Geschichte, weil Kayo ihn als Älteren respektiert; doch es ist keine Geschichte, die Kayo mit seiner westlichen Wissenschaft erklären könnte.

Nii Parkes gelingt es auf brillante Weise, in seinem Kriminalroman Mythos und Wissenschaft, Erklärungen und Unerklärliches zu vermischen, ohne dabei in einen Bereich abzugleiten, in dem sein Roman als bloße Fantasterei gelten würde. Seine beiden Protagonisten, der Ich- Erzähler Opanyin Poku und der Gerichtsmediziner Kayo, gehen beide auf ihre eigene Weise dem Rätsel der Fleischmasse auf die Spur, doch am Ende ist es die Geschichte des Kakaobauern, welche die Antwort liefert. Eine Antwort, bei der die westliche Wissenschaft außen vor bleibt.

Dem Leser jedoch wird nichts vorenthalten. Er wird Teil des Dorfes, Teil der Gemeinschaft und Teil der Welt, in der die Menschen leben; er erfährt von den Ahnen, ihrem Zorn und ihre Gerechtigkeit, vom täglichen Leben im Dorf, von den Beziehungen der Menschen untereinander. Er erhält am Ende auch die Antworten auf die Fragen, die das Buch in die Hände fesseln, bevor man die Lösung nicht kennt. Am Ende weiß der Leser Bescheid. Aber weiß er das wirklich?

Genau diese feine Nuance ist es, die Nii Parkes’ Kriminalroman von einer bloßen Fantasy- Erzählung oder einem Mythos abhebt. Hier bekommt auch die Wissenschaft ihre Chance, und es wäre zu viel gesagt, zu behaupten, dass sie zu gar nichts nutze wäre; aber alles kann sie eben nicht erklären. Und trotzdem fühlt Kayo, der Wissenschaftler, sich durch seinen scheinbaren Misserfolg nicht entmutigt, sondern bereichert.

Hier endet das Buch. Mit einer Botschaft, über der man nachsinnt, sobald man die letzte Seite gelesen und den Buchdeckel geschlossen hat. Einem Hinweis, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht, einem Hinweis darauf, dass unsere Welt, die zu weiten Teilen erforscht und erklärt ist, doch noch mehr Geheimnisse birgt, als wir ahnen können. Das macht Nii Parkes’ Roman auf jeden Fall zu einer lesenswerten Angelegenheit – für alle, die nichts dagegen haben, sich ein wenig Rätselhaftes zu bewahren.

 

Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers

Unionsverlag 2010

220 S., Euro 16,90

ISBN 978-3293004221

 

hoch

 

     
 

   copyright by krimikon

ISSN: 2191-527X