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Brillant und menschlich nachvollziehbar

Garry Disher: "Schnappschuss"

Von Susan Müller

 

Garry Disher ist an sich ein Garant für Spannung und Themen, die sich anders entwickeln, als der erste Blick glaubend macht.

Wenn auch ein Swingerclub die Geschichte mitbestimmt, ist es noch lange kein Grund, anzunehmen, Garry Disher begäbe sich auf Abwege hinsichtlich schmuddeliger Hintergründe. Er baut dies als das, was es ist, ein: ein weniger publik gemachter Punkt im gesellschaftlichen Leben.

Doch auch im Leben von Detective Inspector Hal Challis haben sich Veränderungen ergeben - und was für welche! Seine Frau hatte sich im Gefängnis das Leben genommen, nachdem sie verurteilt worden war, da sie gemeinsam mit ihrem Freund versucht hatte, Hal zu töten.

Sein Verhältnis zu Tessa, der Journalistin, hat sich merklich abgekühlt und beschränkt sich mehr und mehr auf Berufliches. Dafür gibt ihm sein Inneres ein Zeichen, dass Ellen Destry, seine Kollegin, mehr in ihm hervorruft als berufliches Interesse. Das bleibt es nicht einseitig, denn auch Ellen ist von ihrem Mann genervt und fühlt sich von Hal angezogen.

Leider bleibt beiden keine Zeit, diesen Gefühlen nachzuhängen oder gar nachzugehen, denn der bestialische Mord an Janine McQuarrie, der Beginn dieses Kriminalromans, ist aufzuklären, und das, wie immer, am besten gestern. Hier kommt erschwerend hinzu, dass Janine keine geringere ist als die Schwiegertochter des Superintendenten McQuarrie. Dessen Enkelin hat dem grausamen Schauspiel beiwohnen müssen und der Super ist natürlich nur eingeschränkt davon überzeugt, diese immer wieder als Zeugin befragen zu müssen.

Ehe man dem wahren Mörder auf die Spur kommt, erweisen sich ehrbare Leute als Menschen mit Geheimnissen, eben dass der Sohn des Superintendent gern seiner Leidenschaft in Swingerclubs nachging und auch seine Frau dorthin förmlich mitschleppte - die wiederum die Gelegenheit nutzt, Bilder bekannter Persönlichkeiten zu machen, die natürlich kein Interesse hatten, das Fotos pikanter Szenen in der Öffentlichkeit landen. War einer von ihnen der Täter?

Beruflich hatte sich Janine sicher nicht nur Freunde gemacht, sie war  Therapeutin (ihr Können bezeichnete nicht jeder als gut) und stand auf der Seite von Ehefrauen, die von ihren Männern nicht immer galant gehandelt wurden. Ist hier das Motiv zu suchen?

 

Achtung - Absatz überspringen, wer noch nicht wissen will, wer.... Schließlich malt  McQuarries Enkelin Georgia ein Bild, und Hal kommt hinter die dargestellte Person. Dieser Mann ist aber tot. Sein Komplize hat aus Angst des Verrates kurzen Prozess gemacht. Der  Mörder ist ebenfalls nur Mittel zum Zweck, und der eigentliche Drahtzieher ist eine frustrierte, böse Frau, deren Mann im Internierungslager Chef ist. Sie benutzt und manipuliert alles, was ihrem Dasein, aus ihrer Sicht, Erleichterung verschafft.

 

Es ist wunderbar, wie Garry Disher all die Personen, ob der guten oder bösen Seite angehörend, darstellt. Dem Leser wird nicht langweilig, und er verliert trotz der recht hohen Personenzahl nie den Überblick. Und hat die Freuden des Serienlesers:Auch die Detectives Sutton und Tankard  werden in diesem 3. Band nicht vergessen. 

 

In jedem Charakter kommt bei Garry Disher eine eigene Geschichte zum Vorschein und ist brillant und menschlich nachvollziehbar.

 

Garry Disher:

"Schnappschuss"

Unionsverlag, Euro 11,90

Tb., 384 S.

ISBN 978-3293204157

 

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Down under

Garry Disher: "Flugrausch"

Von Susan Müller

 

Hal Challis ist Detective Inspector und würde gern den Fall der Ankerleiche nicht selbst bearbeiten müssen. Nur wie es im wahren Leben so spielt, ein Unglück kommt selten allein.

Seine momentane Beziehung zu Tessa, einer Reporterin, ist ein wenig strapaziert. Diese schreibt über den Einmischer, der augenscheinlich nichts anderes zu tun hat als die Menschen in seiner Umgebung auf deren Fehler zu beobachten. Seine Noch-Ehefrau sitzt im Gefängnis, da sie ihn gemeinsam mit ihrem Liebhaber umbringen wollte, sich jetzt aber eines besseren besann und Hal zurückhaben möchte. Ihre Drohungen, sich umzubringen, nimmt er anfangs noch sehr ernst, es belastet ihn jedoch menschlich.

Um auf andere Gedanken zu kommen, begibt er sich oft in den Hangar um an seinem Flugzeug zu schrauben. Dort trifft er stets auf Kitty Casement, die an der Kittyhawk zu erkennen ist, daher ihr Spitzname. Er fühlt sich leicht zu ihr hingezogen. Eines Tages entdeckt er Fotoaufnahmen Kittys, die eine Drogenlandschaft zeigen und jetzt wird es spannend, denn plötzlich tauchen noch ganz andere Namen auf und Challis beginnt sich an den Ermittlungen zu beteiligen. Seine Kollegin Ellen Destry und die Sergeants Tankard, Sutton und Pam Murphy gehören ins Team und haben jeder ihre kleinen Päckchen zu tragen. Und genau das beherrscht Garry Disher perfekt, zu ungelösten und die Polizei beschäftigenden Fällen die persönlichen Probleme einzuflechten, da diese zu jedem Charakter gehören.

Zur Ankerleiche tauchen erneute Morde auf und noch fehlt der Zusammenhang zwischen ihnen, warum wird ein Anwalt getötet? Dann der Einmischer und seine Ehefrau. Hat er sich gar zu sehr eingemischt? Der Verdacht fällt auf einen polizeibekannten Verbrecher, dem momentan nichts nachzuweisen ist, hängt es mit dem Foto der Drogenplantage zusammen? Wie passt Carl Lister ins Bild, der Kredite vergibt, deren vereinbarte Rückzahlungen kaum einhaltbar sind, wie leider auch Pam erfahren muss.

Und dann… wird Kitty erschossen. Hal Challis ist erschrocken und aufgebracht zugleich. Er motiviert sein Team, die Aufklärung muss her. Ellens Tochter ist mit Listers Sohn Skip befreundet und hier schwant dieser eine Verbindung zu Drogen. Manipuliert Lister Skip zum dealen? Diese Frage klärt sich als auf Listers Grundstück ein unterirdisches Labor gefunden wird, in dem während es Besuchs der Polizei beinah Skip durch eine Explosion ums Leben kommt. Lister bricht zusammen und beichtet.

Nur hat Hal im Laufe der Ermittlungen auch Kittys Ehemann unter die Lupe genommen und in der Vergangenheit gegraben und dabei sehr interessante Details ans Tageslicht gebracht. Casement ist nicht gleich Casement, sondern war unter noch anderen Namen unterwegs. Er war nicht Kittys Mörder, aber der der Ankerleiche.

Beruflich ist alles geklärt, als Hal die Nachricht erhält, seine Frau habe es nun doch geschafft, sich ihrer Strafe durch Selbstmord zu entziehen. Er empfindet Mitleid mit den Schwiegereltern, denn er ist neben dem Polizist eindeutig Mensch geblieben, aber was ihn betrifft, hat sich ein persönliches Kapitel geschlossen.

Garry Disher ist ein toller Schriftsteller, denn er schafft es immer erneut, die kriminellen Machenschaften in Australien um die Peninsula hervorragend mit den Menschen, den Detectives dahinter zu vereinen. Deren persönliche Schicksale einfließen, aber nicht komplett ungeklärt zu lassen. Ihren scharfen Blick während der Ermittlungen beizubehalten und sie als Team stark zu interpretieren, was sich im Vertrauen auch untereinander austauschen kann und aufeinander zählen kann.

 

Garry Disher:

"Flugrausch"

Unionsverlag, Eur 9,90

Tb., 320 S.

ISBN 978-3293203884

 

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Irre spannend

Jens R.Willmann – Schuldig – Wuppertal Krimi

Von Susan Müller

 

Kommissar Hartmann wird zu einem ungewöhnlichen Todesfall gerufen, ungewöhnlich schon, aber leider nicht neu.

Stranguliert, gepaart mit Folter, also eine grausame Art und Weise. Wo hatte er das schon gesehen? Einer aus dem Team erinnert sich an eine Tat vor langer Zeit. Ein weiterer Indiz auf damals findet sich in den Taschen des Toten. Während Hartmann mit seinem Team auf Hochtouren ermittelt und die Parallelen zu vor vielen Jahren sucht, gibt es die nächste Leiche. Kommissar Hartmann kann sich aber nicht wie früher dem widmen, emotionslos und auf Abstand. Er erledigt seine Arbeit – klar, doch er hat sich verändert. An ihm nagen Fälle aus kürzerer Vergangenheit. 3 Kinderleichen und keine Mutter, die zur Verantwortung gezogen werden kann, da sie den Freitod wählte. Dazu ein korrupter Kollege, den er ins Gefängnis brachte. All das lähmt ihn auch ohne neue Opfer. Seine Familie beginnt unter dem neuen Marc zu leiden, seine Frau Chantal versucht die Probleme der Tochter Gina aufzufangen, aber diese braucht den Vater. Er gelobt Besserung und sucht das Gespräch mit Gina, doch dann wird seine Tochter Melanie aus erster Ehe erschossen. Er hatte wenig Kontakt zu ihr und der letzte war in einer Gefängniszelle, da sie verhaftet worden war. Wie aber passt sie in das Werk eines Wahnsinnigen?

Frustriert, traurig und diese Tatsache als I-Tüpfelchen für seine verletzte Seele bricht Marc Hartmann zusammen und betrinkt sich auf einem Friedhof und fuchtelt mit seiner Waffe dort rum,  bis ihn seine Kollege finden.

Der Polizeipräsident will ihn stoppen und dabei löst sich ein Schuss und Hartmann bricht zusammen. Waren das seine eigenen Kollegen? Die Ermittlungen entschlüsseln langsam, aber sicher ein Wirrwarr und nach dem Tod von  Hartmanns Tochter und dem Schuss auf ihn selbst(der nicht aus der Waffe des Kollegen stammte), wird klar und klarer, dass es ein erneutes Leck im Polizeiteam gibt.

Hartmann wird aber auch weiterhin abseits des Teams tätig und wird auf seinen alten Freund, Richter Leon Jurman, aufmerksam, der einer Organisation angehört, die Verbrecher aus der Naziszene oder inzwischen der Sexualstraftäter in Selbstjustiz richtet. Dieser hat nur einen Fehler gemacht und zuviel des Guten verrichtet, ohne Absprache und den Falschen, seine Opfer waren Geldgeber der Organisation.

Der Organisation gehört auch das Leck im Team an und sieht die Anschläge gegen Hartmann psychisch wie physisch als persönlichen Rachefeldzug.

Als sich die Umstände entwirren, geht alles unfassbar schnell. Der Richter, von Hartmann auf sein Vorgehen angesprochen, richtet sich in dessen Beisein selbst. Die Organisation hatte ihn „vogelfrei“ gegeben, so dass einer aus dieser Gruppe ihn früher oder später getötet hätte.

Hartmanns Team kann ein wenig in der Organisation aufräumen, nur werden sich immer wieder welche finden, die deren Motivation mit Geld unterstützen. Hartmann selbst, lässt sich in seine alte Heimat versetzen, auch zuliebe seiner Familie, die ihn als Mann und Vater wieder haben soll.

Irre spannend. Trotz der Verwicklungen wird nie Gefahr gelaufen, den Leser zu überfordern oder Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen. Gutes Zusammenspiel von beruflichem und privatem und wie sich das eine auf das andere auswirken kann.

 

Jens R.Willmann

"Schuldig – Wuppertal Krimi"

Tb, 261 S.

Autoren-Feder Verlag, Euro 8,90

ISBN 978-3942691031

 

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Gangsterleben

Jim Nisbet: "Tödliche Injektion"

Von Bettina Meinzinger

 

Bobby Mencken wurde zum Tode verurteilt. Als humanste unter den Hinrichtungsmethoden soll er durch die Giftspritze sterben. Arzt Dr. Royce, der sich durch diesen Job etwas Geld dazu verdient, um die Wünsche seiner Ehefrau zu finanzieren – diese Ehe ist schon seit etlichen Jahren  kaputt -, soll diese „Tödliche Injektion“ verabreichen. Doch er zweifelt an Menckens Schuld. Nach einem weiteren wüsten Ehekrach und wie immer mit einer Flasche Whiskey intus macht er sich auf die Suche nach dem wahren Schuldigen. Dabei  gerät er an die rattenscharfe, pockennarbige Junkiebraut Colleen und den gewaltaffinen, gitarrespielenden Fast Eddie Lamark. Zum Teufel mit dem biederen Leben als alkoholkranker, abgehalfteter Doktor, das Gangsterleben mit Morphium in den Adern und der willigen Colleen an seiner Seite bringt mehr Spaß. Wir wissen natürlich, dass das nicht gut gehen kann.

Jim Nisbet schreibt cool und sexy über eine Gesellschaft, in der ein jeder krank ist und seiner individuellen Sucht frönt.  Vom ersten bis zum letzten Satz packt Nisbet uns mit seiner direkten, intensiven und stimmungsgeladenen Sprache und nimmt uns mit auf einen unheiligen Trip menschlicher Verderbtheiten. Pulp, wie du ihn haben willst.

 

Jim Nisbet

Tödliche Injektion

Pulp Master 2011

€12,80

ISBN: 978-3927734456

 

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Ein gemütlicher Krimi

Sunil Mann: Lichterfest

Von Anne Spitzner

 

Eine verschwundene Putzfrau, deren Boss eine Riesensumme aufwendet, um sie suchen zu lassen? Dem Privatdetektiv Vijay Kumar kommt das spanisch vor, aber er braucht dringend Geld und macht sich deshalb auf die Suche. Doch die Sache wird immer zwielichtiger: Schlägereien und Überfälle, in die auch seine Freunde verwickelt werden, und die Putzfrau, die zunächst unauffindbar bleibt, machen Kumar schwer zu schaffen. Und darüber hinaus ist auch noch Diwali, das Lichterfest, das indische Fest für den Sieg des Guten über das Böse, zu dessen Feier extra eine Großtante aus Indien anreist. Kumars Eltern, die aus Indien hergekommen sind, um ein besseres Leben zu führen, warten sehnlichst auf Enkelkinder, aber für die junge Frau, die seine Mutter dafür hat in die Schweiz holen lassen, kann er partout nicht mehr empfinden als für eine gute Freundin.

In all diesem Durcheinander soll er nun also Rosa finden, die verschwundene Putzfrau, ohne überhaupt eine Ahnung zu haben, weswegen sie gesucht wird – und stolpert ahnungslos in einen Immobilienskandal, in den hochkarätige Politpromis verwickelt sind.

Dies alles schildert Sunil Mann spannend, aber durchaus beschaulich, woraus ein unverwechselbarer Ton entsteht, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Die Handlung zieht sich nie in die Länge, die Beschreibungen der Züricher Menschen und Stadtbezirke fesselt, man bleibt also immer am Ball – außer, wenn man sich gerade wieder einmal die Hand vor die Stirn schlagen muss, weil der Protagonist etwas unglaublich Blödes anstellt. Über diese Begebenheiten kann man manchmal lachen, möchte manchmal weinen und Kumar auch mal bei den Schultern packen und schütteln – aber auf jeden Fall entlockt der Privatdetektiv dem Leser viel Sympathie, so wie auch die meisten anderen Charaktere, die mit von der Partie sind. Das ist überhaupt das, wovon „Lichterfest“ in der Hauptsache lebt: seine fein gezeichneten, realitätsnahen Figuren, die sich so benehmen wie ganz normale Menschen – denn das kommt ja ganz auf die Definition an. Normale Menschen sind ja meistens auch keine Privatdetektive.

„Lichterfest“ ist alles in allem ein gemütlicher Krimi mit multikulturellem Hintergrund, innerhalb dem Sunil Mann den Spagat zwischen Schweizer und Inder mit allen Sonnen- und Schattenseiten porträtiert. Ein Genuss für jeden, der abends mal ein paar Seiten lesen und die Handlung trotzdem nicht aus den Augen verlieren will.

 

Sunil Mann

Lichterfest

320 S., Euro 9,99

Grafit Verlag 2011

ISBN: 978-3894253844

 

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Der die schönen Dinge liebt

Martin Booth: „The American“

von Bettina Meinzinger

 

Signor Farfalla ist keiner, der sich damit zufrieden gibt, die Welt nur zu beobachten – er ist an ihrer Veränderung beteiligt!

An einem malerischen Ort in den Apenninen ist er damit befasst, das Rad der Geschichte ein kleines Stückchen weiter zu drehen.

Signor Farfalla ist ein Künstler, der die schönen Dinge liebt – gutes Essen, Wein, Sex, kultivierte Gespräche mit dem örtlichen Priester Don Benedetto. Auch der Tod ist für ihn ein Meisterwerk der Schönheit, weshalb FBI, CIA und KGB allesamt großes Interesse daran haben, den stets diskreten, sich im Hintergrund haltenden Signore aufzuspüren. Denn seine Ausflüge in die Berge dienen nicht nur dazu, Schmetterlinge zu zeichnen, sondern auch dazu, die Socimi Type 821 zu testen, die letzte Waffe, die er anfertigt, damit sie danach bei einem Attentat, das den Lauf der Welt wieder einmal ein wenig in eine andere Richtung stoßen wird, benutzt werden kann.

Dass international gesuchte Terroristen gerne kitschige Landschaftsmalerei betreiben, wissen wir zum Beispiel von Luis Posada Carriles, der unter anderem verschiedene Bombenanschläge und mehrere Attentate auf Fidel Castro plante. Der bereits vor einigen Jahren verstorbene Martin Booth gibt uns in seinem virtuosen, im Original unter dem Titel „A very private Gentleman“ erschienenen Roman zudem fesselnde Einblicke in den Seelenzustand eines Mannes, der denkt, durch das Auslöschen von Menschenleben die Welt verbessern zu können.

 

Martin Booth:

The American

Taschenbuch, 400 Seiten, Euro 9,95

rororo 2010

ISBN: 978-3499255151

 

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Mythos und Wissenschaft, Erklärungen und Unerklärliches: Brillant gemischt

Nii Parkes: "Die Spur des Bienenfressers"

Von Anne Spitzner

 

In einer Hütte in einem kleinen ghanaischen Dorf wird eine undefinierbare Masse gefunden, ein roter Haufen Fleisch, der nichts Erklärbarem ähnelt. Die Dorfbewohner scheinen überraschend gelassen; doch da es die Freundin eines Ministers war, die in die Hütte gestolpert ist und die Fleischreste gefunden hat, besteht der Polizeiinspektor auf einer Untersuchung. Hier kommt Kayo Offamten ins Spiel. Kayo ist Gerichtsmediziner, hat in England studiert und arbeitet in einem biochemischen Labor, weil seine Bewerbung bei der Polizei vor einem Jahr abgelehnt wurde. Unter Zwang wird er in das kleine Dorf gebracht, um die Fragen zu klären: Woher kommen die roten Fleischreste? Woraus bestehen sie? Und wohin ist der Bewohner der Hütte verschwunden?

An diesem Ausgangspunkt der Geschichte treffen die beiden Hauptpersonen zusammen: Kayo, der in England ausgebildete Gerichtsmediziner, der fest an die Wissenschaft glaubt, und Opanyin Poku, der Älteste des Dorfes, ein Jäger, der die Geschichte des Kakaobauern kennt. Opanyin Poku erzählt Kayo die Geschichte, weil Kayo ihn als Älteren respektiert; doch es ist keine Geschichte, die Kayo mit seiner westlichen Wissenschaft erklären könnte.

Nii Parkes gelingt es auf brillante Weise, in seinem Kriminalroman Mythos und Wissenschaft, Erklärungen und Unerklärliches zu vermischen, ohne dabei in einen Bereich abzugleiten, in dem sein Roman als bloße Fantasterei gelten würde. Seine beiden Protagonisten, der Ich- Erzähler Opanyin Poku und der Gerichtsmediziner Kayo, gehen beide auf ihre eigene Weise dem Rätsel der Fleischmasse auf die Spur, doch am Ende ist es die Geschichte des Kakaobauern, welche die Antwort liefert. Eine Antwort, bei der die westliche Wissenschaft außen vor bleibt.

Dem Leser jedoch wird nichts vorenthalten. Er wird Teil des Dorfes, Teil der Gemeinschaft und Teil der Welt, in der die Menschen leben; er erfährt von den Ahnen, ihrem Zorn und ihre Gerechtigkeit, vom täglichen Leben im Dorf, von den Beziehungen der Menschen untereinander. Er erhält am Ende auch die Antworten auf die Fragen, die das Buch in die Hände fesseln, bevor man die Lösung nicht kennt. Am Ende weiß der Leser Bescheid. Aber weiß er das wirklich?

Genau diese feine Nuance ist es, die Nii Parkes’ Kriminalroman von einer bloßen Fantasy- Erzählung oder einem Mythos abhebt. Hier bekommt auch die Wissenschaft ihre Chance, und es wäre zu viel gesagt, zu behaupten, dass sie zu gar nichts nutze wäre; aber alles kann sie eben nicht erklären. Und trotzdem fühlt Kayo, der Wissenschaftler, sich durch seinen scheinbaren Misserfolg nicht entmutigt, sondern bereichert.

Hier endet das Buch. Mit einer Botschaft, über der man nachsinnt, sobald man die letzte Seite gelesen und den Buchdeckel geschlossen hat. Einem Hinweis, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht, einem Hinweis darauf, dass unsere Welt, die zu weiten Teilen erforscht und erklärt ist, doch noch mehr Geheimnisse birgt, als wir ahnen können. Das macht Nii Parkes’ Roman auf jeden Fall zu einer lesenswerten Angelegenheit – für alle, die nichts dagegen haben, sich ein wenig Rätselhaftes zu bewahren.

 

Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers

Unionsverlag 2010

220 S., Euro 16,90

ISBN 978-3293004221

 

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ISSN: 2191-527X